Meine Kindheit im Ruhrgebiet

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Interview mit Bettina Bartz, Geschäftsstellenleiterin Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards (GS1 Germany)

Bettina Bartz (GS1 Germany)

Einheitliche Standards haben für die Wirtschaft, insbesondere für den Welthandel, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Hier zu einer gemeinsamen Sprache zu finden, ist die Aufgabe nationaler wie internationaler Standardisierungsorganisationen – wie GS1 Germany. Im Gespräch erläutert Bettina Bartz (Foto), Geschäftstellenleiterin Mittelstand im 4.0-Kompetenzzentrum eStandards, an mehreren Beispielen, warum Standards – auch über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus – so wichtig sind und welche Ziele das Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum eStandards verfolgt. Vor zwei Wochen wurde die Offene Werkstatt Hagen offiziell eröffnet, worüber auf diesem Blog in Offene Werkstatt des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums eStandards in Hagen offiziell eröffnet berichtet wurde. 

  • Frau Bartz, was macht GS1 und welche Funktion üben Sie aus?

Ganz allgemein und zusammenfassend gesagt, steht GS1 für Standards als gemeinsame Sprache der Geschäftswelt. Global nutzen etwa 2 Millionen Unternehmen GS1 Standards, um ihre Geschäftsprozesse einfacher zu machen. Immer dann, wenn es darum geht, Produkte, Unternehmen oder Orte zu identifizieren, Daten – beispielsweise Rechnungen – zwischen Partnern austauschen oder komplexe Prozesse unternehmensübergreifend zu gestalten, kommen GS1 Standards ins Spiel. Die Standards werden heute in vielen verschiedenen Industrien und Branchen zur Optimierung von unternehmensübergreifenden Prozessen eingesetzt.

Ich selber bin seit 2006 bei GS1 Germany in unterschiedliche Aufgabenbereichen tätig. Unter anderem habe ich als Branchenmanagerin für das Gesundheitswesen national und international daran gearbeitet, mit Standards die Versorgungsprozesse von Patienten sicherer zu machen. Danach habe ich unseren neuen Geschäftsbereich, die GS1 Academy, mit aufgebaut. Seit 2017 leite ich nun das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards.

  • Warum sind Standards für die Wirtschaft und Gesellschaft so wichtig?

Solange jeder nur für sich selbst denkt, zum Beispiel eigene Artikelnummern vergibt oder Rechnungen im unternehmenseigenen Format versendet, entstehen für die Wirtschaft und am Ende der Kette auch für Verbraucher ungeheure Kosten.

Bleiben wir beim Beispiel Rechnung: Wenn ein Partner Rechnungen auf Papier versendet, der andere Partner aber eine elektronische Version braucht, müssen die Informationen vom Papier abgetippt werden. An beiden Enden sitzen Personen, die diese Daten eingeben müssen. Eingabefehler sind dabei keine Seltenheit und verursachen abgesehen von der reinen Bearbeitungszeit auch noch Folgekosten für Korrekturen, Storno, neue Rechnung. Mal ganz abgesehen vom Ressourcenverbrauch an Papier. Können die Systeme der beiden Partner elektronisch miteinander sprechen, sparen beide Zeit und Ressourcen und Fehlerquellen werden minimiert. In Pilotprojekten haben wir gezeigt, dass Sie mit standardisierten elektronischen Rechnungen bis zu 70 Prozent der Prozesskosten gegenüber Papierrechnungen sparen können. Wenn es die Wirtschaft schafft, die wesentlichen Geschäftsprozesse von der Bestellung bis zum Verkauf oder zur Retournierung elektronisch und standardisiert abzuwickeln, gewinnt die gesamte Wertschöpfungskette einschließlich des Verbrauchers.

Doch nicht nur kostenseitig profitiert die Gesellschaft. Standards helfen auch, unsere Gesundheit zu schützen: Weltweit ist geschätzt jedes zehnte Medikament gefälscht. Durch eine serialisierte, standardisierte Identifikation von Medikamenten wird Fälschern mehr und mehr das Handwerk gelegt. In Krankenhäusern verhindern die Identifikation und Scanning der Arzneimittel und Medizinprodukte, dass wir versehentlich das Medikament vom Zimmernachbarn oder ein falsches Implantat bekommen.

Standards sind also nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Sie schützen z.B. unsere Gesundheit, helfen bei der Verständigung, vereinfachen Prozesse und reduzieren Kosten.

  • Wie kommt ein Standard in die Welt, welche Phasen werden dabei durchlaufen, welche Hindernisse müssen überwunden werden?

Die Geburt eines neuen oder angepassten Standards möchte ich gerne anhand eines Beispiels aus der GS1 Germany Organisation erläutern. Die Vorgehensweise bei anderen Standardisierungsorganisationen ist sehr ähnlich.

GS1 Germany ist eine neutrale Not-for-Profit Organisation, die Standards entwickeln wir gemeinsam mit unseren Anwendern in themenspezifischen Gremien. Wir orientieren uns dabei an aktuellen Entwicklungen und Bedürfnissen, wie Internet of Things, Nachhaltigkeit oder neuen Technologien wie Blockchain. Generell kann jeder Akteur einen Arbeits- und Projektantrag zur Lösung eines relevanten Problems stellen. Eine Entscheidergruppe gibt einfache Anträge frei und zur Bearbeitung in eine permanente Fachgruppe. Für mittlere und komplexe Anträge kann sie auch die Bildung einer eigenen Projektgruppe initiieren. In den Fach- und Projektgruppen, die aus unterschiedlichen Unternehmensvertretern z.B. aus Handel und Industrie zusammengesetzt sind, werden gemeinsam Lösungen im engen Austausch mit internationalen Gremien entwickelt.

Ein Beispiel kann den Prozess besser verdeutlichen: Die Möglichkeit, heute überall und jederzeit online wie offline zu shoppen, erforderte eine Anpassung der Vergaberegeln für die globale Artikelnummer GTIN (Global Trade Item Number, früher EAN) – das ist die Nummer, die in Produktbarcodes verschlüsselt wird. Diese Nummer ermöglicht die eindeutige Identifikation des Artikeles. Wenn ein Hersteller ein relevantes Detail an einem Produkt variiert, dann möchte der Handel und der Konsument das wissen. Beispielsweise, wenn es ein Produkt mit und ohne Special zur Fußball-Weltmeisterschaft gibt. Deshalb muss ein Händler diese verschiedenen Variationen in jedem seiner Vertriebskanäle eindeutig und mit allen wichtigen Informationen darstellen. Und die Hersteller müssen dafür die Grundlage schaffen. Jedes Mal eine neue Artikelnummer zu vergeben, würde einen enormen Aufwand bedeuten.

Deshalb kam von der internationalen Anwender Community der Wunsch, unterschiedliche Variationen bei der GTIN-Vergabe zu berücksichtigen. GS1 Germany hat einen entsprechenden Arbeitsantrag gestellt. Nach Freigabe begann ein temporäres Expertenteam mit der aktiven Begleitung der globalen Entwicklungsarbeit. Weitere Gremien waren involviert. Die beteiligten Partner aus Handel und Industrie wurden unter anderem befragt, was ihnen bei der Überarbeitung wichtig ist und was die Regeln leisten müssen. Dieser nationale Beitrag hat die globalen GTIN-Vergaberegeln mitgeprägt. Das klingt sehr komplex. Von der Antragsstellung bis zur Veröffentlichung des Standards vergingen aber nur 25 Wochen.

  • Können Sie ein Beispiel für einen Standard geben, an dem GS1 maßgeblich mitgewirkt hat, und womit fast jeder täglich in Berührung kommt?

Den bekanntesten Standard von GS1 finden Sie heute auf jedem Artikel im Handel: der EAN-13-Barcode. 1974 wurde er erstmals auf einer Packung Kaugummi in den USA eingesetzt. Inzwischen macht es weltweit jeden Tag über 5 Milliarden mal Piep an Kassen. Was in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch ziemlich visionär war, kennt heute quasi jeder Mensch.

  • Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Standardisierungs-Organisationen, wie DIN oder ISO, aus?

Viele GS1 Standards basieren auf ISO-Standard und anders herum werden GS1 Standards auch in DIN-Normen angewendet. Wir stehen mit Standardisierungsorganisationen in ständigem Austausch und wirken in relevanten Gremien mit. Oft sind Standards einzelner Branchen spezifische Auslegungen von internationalen Standards. Beispiel: EANCOM ist ein Standard für den elektronischen Datenaustausch, der unter anderem für Rechnungen oder Bestellungen genutzt wird. EANCOM basiert aber wiederum auf einem Standard der Vereinten Nationen UN/EDIFACT. Daher müssen die Standardisierungsorganisationen Hand in Hand arbeiten.

  • Sie sind auch verantwortliche Leiterin des Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrums eStandards. Können Sie Ihre Rolle und die Ziele des Projekts kurz erläutern?

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards ist ein Teil der Förderinitiative Mittelstand-Digital. Damit unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium die Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen und im Handwerk. Wir informieren bundesweit kleine und mittlere Unternehmen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

Alle Dienstleistungen, die wir anbieten sind für die Unternehmen kostenfrei und anbieterneutral.

Konkret zeigen wir, wie das mithilfe von eStandards einfacher und schneller geht. Und das in unterschiedlichen Themen- und Branchenbereichen. Wir begleiten zahlreiche Pilotprojekte mit mittelständischen Unternehmen, bieten Themenveranstaltungen in den Erlebnisräumen und Testlabs unserer Offenen Werkstätten an.

Unsere Werkstätten laden zum Ausprobieren ein und liefern Informationen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkte:

  • Die Offene Werkstatt in Hagen widmet sich der Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe und Handwerk. Hier u.a. demonstriert, wie ein Objekt dreidimensional gescannt und dann auf einem 3D-Drucker eine originalgetreue Kopie hergestellt wird. Diese Methode der „additiven Fertigung“ wird in Zukunft bei der Herstellung individualisierter Produkte eine wichtige Rolle spielen.
  • Ab Herbst wird unsere mobile Werkstatt unterwegs sein um auch in ländlicheren Bereichen Unternehmen für das Thema zu begeistern.
  • Die Offene Werkstatt Leipzig entwickelt mit Unternehmen gemeinsam Ansätze, wie Standards strategisch eingesetzt werden können, um Geschäftsmodellinnovationen generieren und umzusetzen.
  • DieOffene Werkstatt Köln zeigt wie die Digitalisierung zwischen Industrie, Handel und Logistik erfolgreich mit Hilfe von Standards umgesetzt wird. Konkret werden in verschiedenen Erlebnisräumen digitale Wertschöpfungsnetze, die Grundprinzipien von Standards, Nachhaltigkeitsprinzipien oder die Zukunft des Einkaufens gezeigt. So können z.B. während einer Shoppingtour des digital vernetzten Käufers fließend Online und Offlinekanäle im Einsatz erlebt werden. Hierbei kommen moderne Technologien wie z.B. Avatare, Augmented Reality, intelligente Umkleidekabine und interaktive Schaufenster zum Einsatz.

Als Informationsplattform dient unsere Website https://www.kompetenzzentrum-estandards.digital/ mit vielen Hintergrundinformationen aus den Pilotprojekten, aktuellen Veranstaltungsterminen und Presseinformationen. Um aktuell informiert zu sein, bieten wir unseren Newsletter an, der über folgenden Link abonnierbar ist: https://www.kompetenzzentrum-estandards.digital/newsletter/

Das Kompetenzzentrum eStandards wird von fünf innovativen Unternehmen getragen, darunter zwei Fraunhofer Institute (IML und FIT), die Hagener Wirtschaftsförderung, das CSCP als Experte für Nachhaltigkeit und GS1 Germany.

Meine Aufgabe ist es, das Kompetenzzentrum eStandards zu leiten, insbesondere die Geschäftsstelle in Köln. Neben der Koordination unserer Partnerunternehmen, obliegt mir der Austausch mit der Förderinitiative und den 23 anderen Kompetenzzentren im Netzwerk von Mittelstand Digital.

  • Wie reagiert der Mittelstand auf Ihr Angebot?

Unser Kompetenzzentrum ist jetzt seit einem Jahr am Start. Wir mussten natürlich erstmal dafür sorgen, dass wir bekannter werden. Aber jetzt merken wir, dass mehr und mehr Unternehmen auf uns zukommen – oft schon mit konkreten Ideen für digitale Geschäftsmodelle.  Die Unternehmen, mit denen wir bis jetzt zusammengearbeitet haben, zeigen sich begeistert. Egal, ob sie digitale Technologien in den Offenen Werkstätten austesten können – wozu normalerweise nicht die Möglichkeit besteht, ob wir für Tages-Workshops in die Unternehmen fahren oder sie bei ganzen Projekten begleiten: Wir unterstützen ganz konkret und individuell. Das spricht sich natürlich rum. Darum sind unsere Experten derzeit viel unterwegs.

  • Frau Bartz, vielen Dank für das Gespräch!
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Paderborner Kunst- und Kulturszene verliert innerhalb weniger Tage zwei herausragende Persönlichkeiten

Von Ralf Keuper

Binnen weniger Tage ist die Paderborner Kunst- und Kulturszene um zwei herausragende Persönlichkeiten ärmer geworden.

Am 05.07. verstarb der Schauspieler Willi Hagemeier (Paderborner Original) völlig unerwartet im Alter von 63 Jahren. Nur wenige Tage später folgte ihm sein Freund Siegfried Heinrich Greifenberger (“Stani”), der “Inbegriff des humorvollen Westfalen” (Westfälische Nachrichten) mit 65 Jahren. Stani, wie er genannt wurde, wollte die Trauerrede auf seinen Freund Willi Hagemeier halten, verstarb jedoch einen Tag zuvor.

Beide, Hagemeier wie Stani, führte in den 1970er Jahren ein (Brot-)Studium nach Paderborn. An der Studiobühne der Universität Paderborn fanden sie zu ihrem wahren Beruf, ihrer Berufung. Hagemeier wurde dort von dem damaligen Intendanten der Westfälischen Kammerspiele entdeckt. In den darauffolgenden 30 Jahren wurde Hagemeier zu einem Ur-Gestein des Ensembles. Im Februar erhielt er den Preis der Paderborner Theaterfreunde. Stani entdeckte auf der Studiobühne sein Talent für das Kabarett. Seine Paraderolle war die des Schützen Greitemeier. Bevorzugt nahm er die westfälischen Eigenarten aufs Korn, ohne jedoch dabei ins Provinzielle abzugleiten.

Willi Hagemeier war einem größeren Publikum vor allem als Sprecher bekannt, wie in dem Film Paderborn. Der Dokufilm.

Sein letztes Engagement war das Musikdrama Die Kinder der toten Stadt.

Ihm zu Ehren veröffentlichten die Initiatoren von Die Kinder der toten Stadt, das unter der Schirmherrschaft von Iris Berben steht, den Nachruf Ein Funke in der Dunkelheit.

 

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Owlbilder – Externsteine , Bad Driburg , Teutoburger Wald

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“Räumliche wie ideelle Entfernung vom „Move fast and break things“-Silicon Valley könnte sich als Vorteil erweisen” – Interview mit Marc Rohlfing

Marc Rohlfing. Foto: Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF)

Angesichts der Zahl neuer Technologien, die für sich beanspruchen, “disruptiv” zu sein, kann der Überblick schnell verloren gehen. Insofern ist es gut, wenn man jemanden trifft, der hier Orientierung geben kann, wie Marc Rohlfing (Foto). Der Dozent, IT-Berater und Technologiescout (LaudableGuru) aus Bielefeld verfolgt die Entwicklungen auf dem Gebiet neuer Technologien (3D-Druck, Machine Learning, Augmented Reality, Blockchain) und ihrer möglichen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft aus nächster Nähe. Regelmäßig spricht er in der Veranstaltung Rohlfing redet – im größten Computermuseum der Welt, im Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF), über die aktuellen Technologietrends. Im Gespräch mit diesem Blog gibt Rohlfing Auskunft zum aktuellen Stand der Entwicklung und wagt einen Ausblick auf die nähere Zukunft. 

  • Herr Rohlfing, Sie sind als Dozent, IT-Berater und Technologiescout tätig. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich in letzter Zeit besonders intensiv?

Das alles bestimmende Thema, an dem derzeit niemand vorbeikommt, ist – und wird wohl auch angesichts der Möglichkeiten noch eine Weile so bleiben – sicherlich Maschinenlernen. Die Konsequenzen, vor allem wenn diese Techniken in dedizierter und miniaturisierter Form direkt innerhalb unserer Geräte verbaut werden, sind noch gar nicht abzusehen.

Zunehmend rücken auch und gerade dabei für mich – und das mag der Weltlage ebenso wie meinem eigenen Älterwerden geschuldet sein – allerdings Fragen nach den sozialen und soziologischen Auswirkungen in den Fokus. Etwa ob „das Internet wenn nicht gleich unser Gehirn verändert, so doch dauerhaft eine andere Aufmerksamkeitsökonomie durchgesetzt hat, die sich nicht rückgängig machen lässt.“ (vgl. Avenassian 2017: 14).

  • Die Klagen darüber, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung den Anschluss verliert, nehmen zu. Ist die Sorge berechtigt?

Ich neige, schon von Berufs wegen, nicht zum Pessimismus – aber die Sorge ist definitiv berechtigt. Viel zu lange haben wir hierzulande so getan, als ließe sich die vergangene Erfolgsgeschichte einfach fortschreiben. Haben Verantwortliche in Politik und Wirtschaft – letztere notfalls mit Betrug – auf inkrementelle Verbesserungen und Verfeinerungen des Bewährten gesetzt, also auf Evolution

Wir haben es bei der Digitalisierung aber mit einer Revolution zu tun, für die jetzt die Weichen gestellt werden müssen. Also anstatt die schwarze Null als Monstranz vor uns herzutragen, bräuchte es dringend Investitionen. Investitionen in Netzinfrastruktur auf der einen, und in Bildung in Form von Lehrern und Schulen auf der anderen Seite.

  • Wie kann die deutsche Industrie, und hier vor allem der Mittelstand, ihre Stärken in der Hardware in die digitale Welt überführen – welche Rollen könnten der 3D-Druck und die Augmented Reality dabei spielen?

Welche Rolle 3D-Druck, Augmented Reality oder andere Buzzwords in der Zukunft spielen ist notorisch schwer vorherzusagen – aber um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie und des Mittelstandes mache ich mir keine Sorgen; vorausgesetzt, siehe vorherige Frage, wir installieren endlich überall vernünftig schnelles Internet und geben der Bildung den Stellenwert, der ihr in einem Land ohne andere Ressourcen als den Menschen die hier leben und arbeiten gebührt.

  • Werden wir demnächst fast menschenleere Fabriken und Büros haben – können Roboter und Softwareagenten den Menschen auf absehbare Zeit ersetzen?

Nein, das denke ich nicht. Weder auf absehbare Zeit noch überhaupt. Historisch haben neue Technologien Arbeitsplätze nicht verschwinden lassen, sondern verschoben: seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind zum Beispiel bei der amerikanischen Eisenbahn 250.000 Jobs abgebaut– und dafür 300.000 Arbeitsplätze in der Luftfahrt geschaffen worden. Das ist natürlich für den Einzelnen, der von einer solchen Verlagerung betroffen ist, nicht leicht. Nicht jeder, der Kohlen schaufeln kann, kann auch Flugzeuge reparieren. Neu entstehende Jobs sind tendenziell hochwertiger, umso wichtiger die schon erwähnte Aus- und Weiterbildung.

Roboter und Softwareagenten werden als Werkzeuge aber in ganz vielen Fabriken und Büros Einzug halten. Und die Aufgaben erledigen, etwa große Datenmengen zu verarbeiten, in denen Maschinen besser sind. Während sich Menschen auf die Tätigkeiten konzentrieren können, die wir den Maschinen voraushaben, also Kreativität oder Intuition.

  • Das Industrial Internet und das klassische Internet bewegen sich aufeinander zu (Consumerization). Das spielt den großen digitalen Plattformen wie Amazon und Alibaba in die Hände – brauchen wir in Europa digitale Plattformen, die es mit den US-amerikanischen und asiatischen Anbietern aufnehmen können oder ist der Zug bereits abgefahren?

Angesichts der Größe, die die „Big Five“ mittlerweile haben, den resultierenden Netzwerkeffekten und den hilflosen aktuellen Versuchen der Politik, die den Status Quo durch Regulation vermutlich eher noch zementieren… ist er das vermutlich!

Die spannende Frage wäre, ob wir stattdessen in Europa (Geschäfts-)Modelle jenseits der Plattformen und Aggregatoren mit ihrer „Winner takes all“-Dynamik finden können. Modelle, mit denen nicht ganz Wenige ganz reich, sondern Viele wohlhabend werden können.

Die räumliche wie ideelle Entfernung vom „Move fast and break things“-Silicon Valley könnte sich dann vielleicht sogar als Vorteil erweisen.

  • Wie bewerten Sie das Potenzial der Blockchain-Technologie mit ihrem betont dezentralen Ansatz – könnte das “die” Basistechnologie für den Mittelstand werden?

Im klassischen Hype-Zyklus nähert sich die Blockchain gerade mit Riesenschritten dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ (vgl. Hype Cycle for Blockchain Technologies, Gartner 2017).

Ich denke schon, dass die Technik in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Nachdem das „Tal der Enttäuschungen“ durchschritten ist – aber ob als echte Basis oder nur als weiteres Werkzeug der technologischen Toolbox, dafür ist es für eine verlässliche Aussage noch zu früh.

Crosspost von Econlittera

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Offene Werkstatt des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums eStandards in Hagen offiziell eröffnet

Von Ralf Keuper

Am 10.07.2018 wurde in der FernUni Hagen die Offene Werkstatt des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums eStandards offiziell eröffnet, wie u.a. in Offene Werkstatt für Digitalisierung eröffnet berichtet wird.

Eröffnung Offene Werkstatt Hagen. Ganz Links: Michael Ellinghaus (Geschäftsführer HagenAgentur), in der Mitte: Bettina Bartz (GS1 Köln). Bild: Birgit Andrich

In der Offenen Werkstatt Hagen können sich die Unternehmen und Handwerksbetriebe mit den verschiedenen Einsatzfeldern der Digitalisierung in der Fertigung oder im Smart Home vertraut machen. Wie Jörg Siegmann, Projektleiter vom Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum in Hagen, betonte, sei es das Ziel, Mittelstand und Handwerk eine Möglichkeit zu geben, die Digitalisierung in konkreten Anwendungen zu erleben.

In der Offenen Werkstatt Hagen wird beispielsweise demonstriert, wie ein Objekt dreidimensional gescannt und dann auf einem 3D-Drucker eine originalgetreue Kopie hergestellt wird. Diese Methode der „additiven Fertigung“ wird in Zukunft bei der Herstellung individualisierter Produkte oder von Kleinstmengen eine immer wichtigere Rolle spielen. Auch Anwendungen für das so genannte „Smart Home“ werden in der Offenen Werkstatt erlebbar gemacht: Sensoren steuern Licht- und Ton-Anwendungen genau da, wo sie gebraucht werden – automatisch.

Ohne offene Standards bleibt es allerdings bei blanker Theorie oder bei Abhängigkeitsverhältnissen von großen Anbietern bzw. Plattformen.

Das Entscheidende bei allen gezeigten digitalen Anwendungen ist: Sie funktionieren nur durch freie, offene Standards automatisch und herstellerübergreifend. Die Standards werden in der Regel auf globaler Ebene vereinbart. Durch den Einsatz dieser „eStandards“ vermeiden die Nutzer, sich und ihr Unternehmen langfristig und mit hohem finanziellen Aufwand an einen Anbieter zu binden. Neben erheblichen Kosteneinsparungen ergeben sich für Unternehmen ganz neue Geschäftsmodelle, z.B. im Bereich der individualisierten Produktion.

Mangelnde Standardisierung führt häufig dazu, dass die Digitalisierung gehemmt wird. Unternehmensübergreifender Datenaustausch sowie Prozessintegrationen zwischen mehreren Betrieben setzen eine durchgehende Digitalisierung der dafür relevanten Verarbeitungs- und Produktionsprozesse voraus. Ein weiterer Hemmschuh sind die Qualifizierung der Fachkräfte sowie die Themen Datensicherheit, Investitionskosten und Nachhaltigkeit (Energieeffizienz).

Das von GS1 in Köln aus gesteuerte Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards , das von Bettina Bartz geleitet wird, hat bereits 13 Projekte in Deutschland durchgeführt. Beispielhaft dafür sind die Gießerei Düker aus Nürnberg (Vgl. dazu: Digitalisierung: So verhilft die Gießerei Düker dem Kuka-Roboter zu einem Lebenslauf) und der Verpackungshersteller Maag aus dem Sauerland (Vgl. dazu: Digitalisierung, damit der Salat länger frisch bleibt).

In der Industrie 4.0 bzw. in der vernetzten Fabrik sorgen die Kommunikationsstandards OPC-UA und TSN Ethernet dafür, dass die Daten zwischen den Maschinen – herstellerunabhängig –  ausgetauscht und interpretiert werden können, wie Dr. Erich Behrendt von IMK Consulting in seinem Vortag hervorhob. Relativ neu ist das Narrowband IoT bzw. das Low Power Wide Area Network. Dabei handelt es sich laut Wikipedia um ein

Netzwerkprotokoll zur Verbindung von Niedrigenergiegeräten wie batteriebetriebene Sensoren mit einem Netzwerkserver. Das Protokoll ist so ausgelegt, dass eine große Reichweite und ein niedriger Energieverbrauch der Endgeräte bei niedrigen Betriebskosten erreicht werden können.

In zehn thematisch verschiedenen Workshops hatten die Teilnehmer Gelegenheit, Beispiele aus der Praxis kennenzulernen. In meinem Fall waren das die Themen Digitale Geschäftsmodelle und Smart Building.

Im Workshop Digitale Geschäftsmodelle stellte Dr. Behrendt das Startup Screwerk aus Lüdenscheid vor (Vgl. dazu: Start-Up “Screwerk”: Einzelne Schrauben in die Welt). Das Unternehmen ist eine Kombination aus Online-Shop und Hochleistungs-IT. Im Hintergrund sorgt eine Graphendatenbank dafür, dass Angebot und Nachfrage schnell zusammen kommen. Das Unternehmen hat sich auf Schrauben sog. C-Waren bzw. Mindermengen spezialisiert, deren Versand für die großen Hersteller und Lieferanten nicht wirtschaftlich genug ist. Inzwischen ist Screwerk selbst in die Produktion von Schrauben eingestiegen. Das Geschäftsmodell Online Shop + Hochleistungs-IT lässt sich auch auf andere C-Waren, wie Nieten, übertragen.

In dem anderen Workshop Smart Building erläuterte Prof. Dr. Harald Mundinger vom Fachbereich Gebäudesystemtechnologie der FH Südwestfalen, Standort Lüdenscheid, weshalb Standards nicht per se von Vorteil sind. Allein im Bereich Smart Building konkurrieren 30-40 Standards, die miteinander nicht oder kaum kompatibel sind, um die Gunst der Ingenieure und Bauherren. Hinzu kommt, dass sich mit Amazon Alexa ein de-facto-Standard im Smart Building und Smart Home etabliert. Um den Wildwuchs einzudämmen und die Dominanz einiger weniger oder gar eines Unternehmens zu verhindern, sind offene, untereinander kompatible Standards nötig.

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100 Jahre Westfälischer Industrieklub

Weitere Informationen:

100 Jahre Westfälischer Industrieklub

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“Genossenschaften haben Wirkungen, die weit über das Wirtschaftliche hinaus gehen” – Interview mit Prof. Dr. Theresia Theurl (Institut für Genossenschaftswesen an der Uni Münster)

Prof. Dr. Theresia Theurl. Foto: IfG Münster

Als Netzwerkorganisationen können Genossenschaften rasch auf gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen reagieren. Aktuelle Beispiele sind Breitbandausbau-genossenschaften und Solarenergiegenossenschaften. Woraus bezieht das Genossenschaftswesen seine Fähigkeit zur Erneuerung, welche Rolle spielen Genossenschaften in Westfalen; gibt es Parallelen zur Westfälischen Hanse, die sich wiederbeleben lassen? Auf diese und weitere Fragen antwortet Prof. Dr. Theresia Theurl (Foto), Dekanin der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, im Gespräch mit Westfalenlob.  

  • Frau Prof. Dr. Theurl, neben Ihrer Funktion als Dekanin der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Münster leiten Sie das Institut für Genossenschaftswesen. Womit beschäftigen Sie sich in Ihren Forschungen, was macht das Thema Genossenschaftswesen so interessant?

Das Thema „Genossenschaftswesen“ ist aus mehreren Gründen sehr interessant. So handelt es sich bei Genossenschaften um die Pioniere der Kooperation, einem Geschäftsmodell, das heute in Wirtschaft und Gesellschaft sehr verbreitet ist, freilich unter anderen Bezeichnungen: Netzwerke, Cluster, Allianzen, Partnerschaften etc. Die organisatorische Innovation stammt aber von Menschen wir Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch sowie deren Vorgänger und Zeitgenossen. Dazu kommt, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so sind, dass auch Genossenschaften heute sehr gut in die Zeit passen. Dies zeigt sich daran, dass neue Genossenschaften in expandierenden Wirtschaftsbereichen und in wichtigen Gesellschaftsbereichen gegründet werden. Zusätzlich ist heute das theoretische und methodische Instrumentarium vorhanden, um Genossenschaften auf der Grundlage des Wissensstandes der Ökonomie adäquat analysieren zu können. Schließlich ist es erfreulich, dass es gerade junge Menschen sind, die großes Interesse an Genossenschaften zeigen. Aktuelle Forschungsprojekte am Institut für Genossenschaftswesen Münster sind z.B. wie Werte für die Mitglieder von Genossenschaften – ein MemberValue – geschaffen werden kann, was die Digitalisierung für Genossenschaften bedeutet, welche Herausforderungen für die genossenschaftliche FinanzGruppe bestehen, welche Perspektiven Energiegenossenschaften haben, welche gesellschaftliche Bedeutung Wohnungsgenossenschaften aufweisen und ob Genossenschaften die Sharing Economy gerechter machen können. Dies sind nur einige Beispiele.

  • Wie in anderen Regionen Deutschlands auch, sind Genossenschaften in Westfalen stark vertreten. Können Sie einige markante Beispiele nennen?

Zu nennen sind zahlreiche Genossenschaftsbanken, u.a. Volksbanken, Raiffeisenbanken, Kirchenbanken, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, die PSD Bank Westfalen-Lippe, Sparda-Banken. Dazu kommen Wohnungsgenossenschaften in unterschiedlichen Größen und Lagen. Landwirtschaftliche und ländliche Genossenschaften sind tätig, z.B. Raiffeisenmärkte und Einkaufsgenossenschaften oder Maschineneringe. Zahlreiche gewerbliche Genossenschaften sind ebenso zu nennen. Sehr bekannt ist z.B. die Noweda Apothekergenossenschaft eG (NOWEDA). Auch viele Genossenschaften des Handels und anderer genossenschaftlicher Verbundgruppen sind in Westfalen tätig. Man denke etwa an EDEKA und REWE. Manche ehemalige Genossenschaften sind heute in einer anderen Rechtsform tätig, gehören aber immer noch eng zur genossenschaftlichen Ökonomie. Wieder andere Genossenschaften haben fusioniert und sind mit dem Hauptsitz nicht mehr in Westfalen ansässig oder sie haben ihr Geschäftsgebiet bundesweit ausgeweitet wie z.B. die Fiducia & GAD IT, ein wichtiger Partner in der genossenschaftlichen FinanzGruppe. In Westfalen sind in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Energiegenossenschaften gegründet worden. Größere Aufmerksamkeit erlangt hat die Gründung von zwei Breitbandgenossenschaften zum Ausbau der Breitband-Infrastruktur. Firmen und Privatpersonen sind die Eigentümer der Breitbandgenossenschaft Hagen e.G. Die „Breitband OWL eG“ wurde von Kreisen und Kommunen gegründet. Hervorzuheben sind auch Familiengenossenschaften, Straßenverkehrsgenossenschaften, Handwerkergenossenschaften. Viele weitere Genossenschaften und genossenschaftlich organisierte Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche können genannt werden.     

  • Wie sind die Genossenschaften in Westfalen organisiert?

In Genossenschaften arbeiten Menschen oder Personen zusammen, um bessere Ergebnisse zu erreichen als alleine und um größere Projekte stemmen zu können. Diese Kooperation setzt sich fort, indem Genossenschaften sozusagen auf einer weiteren Ebene miteinander kooperieren und gemeinsam und in spezialisierten Unternehmen und Organisationen Leistungen organisieren, die sie alle benötigen. Auf diese Weise entstehen genossenschaftliche Wertschöpfungsnetzwerke, in denen sozusagen Genossenschaften mit ihren „Töchtern“ zusammenabreiten. In der genossenschaftlichen FinanzGruppe sind dies z.B. die Genossenschaftsbanken mit der DZ BANK als Zentralbank und vielen Produkt- und Prozessspezialisten. Zusätzlich sind Genossenschaften in Verbänden organisiert. Auch diese sind Teil der genossenschaftlichen Netzwerke und erbringen Leistungen für die einzelnen Genossenschaften, so z.B. in der betriebswirtschaftlichen und steuerlichen Beratung, aber auch in der Wirtschaftsprüfung und der Interessenvertretung. Die Genossenschaftsverbände sind einerseits inhaltlich (nach Leistungen und/oder Sparten) und andererseits regional organisiert. Die regionale Komponente ist dabei sehr wichtig, weil sie es den Genossenschaften ermöglicht, verwurzelt und klein zu bleiben. Im Laufe der Geschichte sind genossenschaftliche Zentralunternehmen und Verbände zunehmend verschmolzen worden, um bei sich ändernden Rahmenbedingungen die notwendige Wirtschaftskraft und Größe zu erreichen, ohne dabei aber ihre regionale Dimension und Ausrichtung zu verlieren, was auch durch die Vertreter in den Gremien sichergestellt werden soll. Alle diese Strukturmerkmale und Entwicklungen gelten auch für die Genossenschaften in Westfalen. Ihre Interessen werden z.B. im Genossenschaftsverband. Verband der Regionen (Genossenschaftsbanken, landwirtschaftliche Genossenschaften, gewerbliche Genossenschaften, Energiegenossenschaften, Versorgungsgenossenschaften) oder im Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen e.V. (VdW Rheinland Westfalen) gebündelt. Neben den Regionalverbänden sind Bundesverbände tätig, die auch auf der Ebene der Europäischen Union gemeinsame Interessen von Genossenschaften vertreten.           

  • Genossenschaften werden häufig mit dem ländlichen Raum assoziiert – trifft das noch zu?

Genossenschaften sind für den ländlichen Raum heute sehr wichtig. Dies galt bereits seit ihrer „Erfindung“ und hängt auch mit dem ländlichen Aktivitätsschwerpunkt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zusammen, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Doch Genossenschaften sind in allen Wirtschaftsräumen tätig und tragen ebenso zur Wertschöpfung in urbanen Gebieten bei. Zu denken ist an Wohnungsgenossenschaften, an Genossenschaften von Freiberuflern, um größere Projekte akquirieren zu können, an gewerbliche Genossenschaften, an die Genossenschaften des Handels und natürlich an die Genossenschaftsbanken. Betrachtet man Genossenschaften als Organisationen, die gerade dann gegründet werden, wenn besondere Defizite auftreten, tritt aktuell tatsächlich – aber nicht nur – der ländliche Raum in den Blickwinkel. Hier stellen Genossenschaften eine Reaktion auf den Verlust von Infrastruktur, Nahversorgung und vielen Dienstleistungen dar. Dieser führt zu weitreichenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen, zu einer Entwertung von Wirtschafts- und Lebensräumen. Gelingt es diesen Teufelskreis durch eine innovative Organisation von Leistungen zu  durchbrechen, bieten sich neue Perspektiven für die Menschen und die Standorte im ländlichen Raum. Diese innovativen Leistungen können Genossenschaften erbringen. Es ist vor allem die Digitalisierung und viele mit ihr verbundenen Entwicklungen, die ihnen dies ermöglichen und die für sie neue Ansatzpunkte bieten. Zu denken ist auch daran, dass ein zunehmender Teil der Arbeitsleistungen zukünftig nicht mehr am Sitz des Unternehmens erbracht werden wird, sondern zu Hause. Dies setzt aber Zugang zu manchen Infrastrukturen voraus, z.B. zu einem „schnellen Internet“. Die Betonung eines ländlichen Aktivitätsschwerpunktes sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zahlreiche andere Gründungskontexte große Bedeutung haben.

  • Die Digitalisierung, d.h. die zunehmende Vernetzung zusammen mit der wachsenden Mobilität, droht die Dörfer und kleineren ebenso wie die mittleren Städte hinter sich zu lassen. Wie können Genossenschaften dem entgegenwirken?

Dieser Zugang ist ein sehr defensiver. Die genannten Entwicklungen zeigen gerade, dass Selbsthilfe in Kooperation notwendig ist, um nicht „abgehängt“ zu werden. Genossenschaftliche Aktivitäten sind aber nicht nur notwendig, sondern Genossenschaften haben in einem langen Zeitraum auch bewiesen, dass sie geradezu die Spezialisten für die Lösung solcher Probleme sind. Genossenschaften sind immer dann besonders stark und wichtig, wenn es zu großen gesellschaftlichen und/oder wirtschaftlichen Veränderungen kommt. In einer solchen Zeit sind sie entstanden und zwar als Reaktion auf ausweglose Situationen für Menschen ohne Perspektive. Dass man heute von disruptiven Entwicklungen spricht, die neue Ansätze nahelegen, ändert nichts an der Struktur des Problems. Je größer Organisationen werden, je weiter die Digitalisierung fortschreitet und je weniger wichtig Grenzen werden, umso größer wird die Bedeutung lokaler Aktivitäten, regionaler Wirtschaftskreisläufe, die Verwurzelung von Menschen und Unternehmen und Kooperationen aller Art. Die Genossenschaften sind die Kooperationspioniere. Heute hilft gerade die Digitalisierung genossenschaftlichen Netzwerken ihre Kooperation effizienter zu organisieren und sich mit anderen Genossenschaften und Unternehmen weiter zu vernetzen. Zusätzlich sind sie geeignet – mit oder ohne kommunale Mitwirkung – die notwendigen Infrastrukturen zu stärken oder zu schaffen. Man denke an die Breitbandausbaugenossenschaften, die Ärzte- und Pflegegenossenschaften, die Versorgungsgenossenschaften, die Wohnungsgenossenschaften und an viele andere mehr.     

  • Die westfälische Hanse könnte man als einen Vorläufer des Genossenschaftswesens bezeichnen – wie könnten sich die Ansätze gegenseitig befruchten oder liegen sie zu weit auseinander?

Die westfälische Hanse mit ihrer langen Geschichte, aber auch andere Formen des Zusammenwirkens von Unternehmen und Menschen, die sich bereits im Mittelalter herausgebildet haben, können tatsächlich als Vorläufer von Genossenschaften eingeschätzt werden. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur, dass sie erkannt haben, dass man zusammen mehr erreichen kann als alleine, sondern dass sie sich für ihr Zusammenwirken Regeln gegeben haben und auch dafür gesorgt haben, dass sie eingehalten werden. Es ging also immer um Rechte und Pflichten. Hervorzuheben ist weiters, dass eine langfristige Orientierung und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Handlungen im Vordergrund standen. Die Parallelen mit Genossenschaften, die Ähnlichkeit der Governancestrukturen liegen auf der Hand. Dies zeigt sich auch an der gesellschaftlichen Bedeutung der Hanse, die weit über das Merkantile hinausging. Auch Genossenschaften haben Wirkungen, die weit über das Wirtschaftliche hinausgehen und manche werden auch gegründet, um wichtige gesellschaftliche oder kulturelle Projekte verwirklichen zu können. Die Ansätze sind sich sehr nah. In allen westfälischen Hansestädten und ihrem Umland sind viele Genossenschaften tätig. Allein die Sensibilisierung für die Parallelen wäre bereits wertvoll. Auf dieser Grundlage lassen sich gemeinsame Projekte entwickeln, die sowohl der westfälischen Hanse als auch der genossenschaftlichen Ökonomie helfen können, ihre Ziele und ihre Mission zu erfüllen. Ein Brainstorming, an dem vor allem auch junge Menschen mitwirken, z.B. anlässlich eines Hansetages, halte ich für vielversprechend.            

  • Frau Prof. Dr. Theurl, vielen Dank für das Gespräch!
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Johann Stephan Pütter. Einer der Väter der US-amerikanischen Verfassung

Von Ralf Keuper

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert begann sich in den britischen Kolonien in Nordamerika der Unmut gegenüber ihrem Status zu regen. Auf der Suche nach alternativen Staatsformen richtete sich der Blick zunehmend auf den lockeren Staatenverbund des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und dessen Reichsverfassung.

Auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb in Amerika das Interesse an der Reichsverfassung lebendig. 1739, kurz vor Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740 –1748), der ja auch in Nordamerika ausgetragen wurde, regte der Kolonialbeamte Martin Bladen einen Zusammenschluss der Kolonien zum gegenseitigen Schutz gegen französische Übergriffe an. Ein solches föderatives System, so Bladen, funktioniere aber nur dann, wenn man einen gesamtamerikanischen Kongress etabliere, der „analogous to the Publick Diets of the German Empire“ aufgebaut sei, also in genauer Entsprechung zum deutschen Reichstag in Regensburg (in: Die Reichsverfassung als Vorbild).

Im Jahr 1766 reiste dann der damals wirkungsmächtigste nordamerikanische Politiker, Benjamin Franklin, ins damalige Deutschland. Dort traf er auch den aus Iserlohn stammenden und in Göttingen lehrenden Staatsrechtler Johann Stephan Pütter.

Der wohl prominenteste Politiker Nordamerikas, Benjamin Franklin, brach 1766 sogar selbst nach Deutschland auf, wo er nicht nur die im Reichsverbund so bedeutsamen Kurfürstentümer Hannover, Köln, Trier und Mainz besuchte, sondern sich auch von dem Göttinger Staatsrechtler Johann Stephan Pütter über Details der Reichsverfassung belehren ließ. Pütter hatte damals gerade die Formel vom Reich als „aus Staaten zusammengesetztem Staat“ in Umlauf gebracht (ebd.).

Johann Stephan Pütter gilt seit neuesten Forschungen daher als einer der wenigen nicht-amerikanischen Väter der US-Verfassung (Vgl. dazu: Vorbild der US-Verfassung. Benjamin Franklin und der deutsche Föderalismus).

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Anthus: Ornithologische Beiträge aus Westfalen

Von Ralf Keuper

Von 1961 bis 1973 erschien die in Fachkreisen noch immer hoch geschätzte ornithologische Zeitschrift Anthus. Bis heute kann man auf der Homepage die Beiträge und weitere Informationen einsehen bzw. im Netz auffinden.

Beispiele:

Die wichtigsten Wasservogelgebiete in Nordrhein-Westfalen

Wachtelkönig: biometrische Ergebnisse und ökologische Randbemerkungen 

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