Westfälische Diamanten

Von Ralf Keuper

Wie kann ein Land wie Deutschland seine Rolle als eine der führenden Wirtschaftsnationen angesichts zunehmender Vernetzung und Mobilität behaupten und welche Rolle können die Regionen dabei spielen? In dem lesenswerten Beitrag Westfälischer Diamant erwähnt Thomas Westphal die von Michael E. Porter vor etlichen Jahren in die Diskussion gebrachte Metapher des Diamanten:

Der Portersche “Diamant” ist ein System. Die besondere Art eines Wechselspiels zwischen Unternehmen, Wissenschaft, Staat und Beschäftigten an einem Standort rund um eine heimische Kernbranche. In diesem System werden Produktionsfaktoren wie Infrastruktur, Fachkräfte, Wissensressourcen und Kapitalressourcen auf eine ganz bestimmte Art und Weise rund um eine Anhäufung von Unternehmen und Zulieferbetrieben aus einer Branche, aus einem Cluster entwickelt. Der “Diamant” ist also mehr als eine Anhäufung von Unternehmen einer Branche, eines Clusters. Er ist ein Bild für die Produktionsverhältnisse an einem Standort rund um zentrale Branchen und Technologien.

Wie aussagekräftig bzw. wie zukunftsfähig ist das Modell des Porterschen Diamanten – insbesondere mit Blick auf Westfalen – welche Diamanten hat die Region zu bieten?

Ebenfalls erwähnenswert in dem Zusammenhang ist der Beitrag How to Make a Region Innovative.

Am Beispiel der Entwicklung von Bangelore (Indien), das heute als einer der führenden IT-Standorte weltweit gilt, veranschaulicht der Autor die Bedeutung der vier Merkmale, die entscheidend dafür sind, ob es einer Region gelingt, dauerhaft innovativ zu sein. Diese sind: Public, Private, Civil and Academic – “the quad”:

To generate one groundbreaking technological development after another, innovation must be embedded within long-lived social institutions and networks. Four different sectors must be linked together: government, business, civil society (not-for-profit organizations), and academia. This is what I call “the quad.” In such an environment, creativity needn’t wait for the unpredictable “aha” moment. It is continually nurtured. The decisions made at every level — investment funds, corporate engineering teams, regional planning boards, philanthropic councils, academic faculty reviews, and many more — are naturally aligned.

Das Scheitern einer Vielzahl von sog. Clustern führt der Autor darauf zurück, dass nur einige davon berücksichtigt werden. Für einen dauerhaften Erfolg als innovative Region sind aber alle Faktoren gleich wichtig und nötig. Cluster, so andere Kritiker, können überdies dazu beitragen, die Pfadabhängigkeit einer Region, d.h. die Abhängigkeit von bestimmten Branchen zu verstärken.

In ihrer Studie Profilbildung und regionale Standortstrategie durch Wissen Das Beispiel der Technischen Universität München formulieren die Autoren Robert K. von Weizsäcker und Martin Steininger am Beispiel der Region München die These, dass räumlich begrenzte Wachstumsimpulse u.a. das Ergebnis einer strategischen Akkumulation regionalen Humankapitals sind, d.h. es existiert ein standortgebundenes (implizites) Wissen. Dieses Wissen ist nicht ohne weiteres auf andere Standorte übertragbar bzw. nicht imitierbar. Der Haken daran ist nur, dass das Wissen die Pfadabhängigkeit einer Region erhöht. Von Weizsäcker und Steininger sprechen in dem Zusammenhang auch von der Eigentorthese des Wissens. (Vgl. dazu: Innovative Milieus, distanzabhängige Spillover-Effekte und die Eigentorthese des Wissens).

Problematisch bei Clustern wird es dann, wenn sich in der Öffentlichkeit der Eindruck zu verfestigen beginnt, hier werde letztlich für die Galerie, für PR gearbeitet und die Entstehung von “Investitionsruinen” sowie künstlich geschaffener Mono-Kulturen (Vgl. dazu: Desaster um Cluster-Republik Deutschland) gefördert. Daher sollte schon frühzeitig die Frage geklärt werden, was nach dem Cluster kommt (Vgl. dazu: Was kommt nach dem Cluster? Neue Perspektiven auf regionale Innovationspolitik).

Künftig werden die sog. Information Centric Industries noch weiter an Bedeutung für die Attraktivität von Standorten gewinnen. Deren Rohstoffe Daten und Informationen sind prinzipiell an keinen Standort gebunden. Als Kostenfaktor ins Gewicht fallen neben den Ausgaben für das Personal und Miete insbesondere auch die Energiekosten, die nicht unwesentlich sind. Weiterhin sind steuerliche Fragen ebenso für die Standortwahl von Bedeutung wie der Zugang zu Fördermitteln und wichtigen Kontakten (Investoren, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Wirtschaftsförderer etc). Die unmittelbare Nähe zu den Abnehmern ist im Vergleich dazu anscheinend von untergeordneter Bedeutung, was vielleicht auch erklärt, dass Berlin, trotz seiner geringen Zahl von Banken und Industrieunternehmen, eine hohe Anziehungskraft für Startups besitzt (Vgl. dazu: Standorttheorie 2.0).

Dass auch die sog. Peripherie ihre Vorzüge hat, belegt für viele Beobachter das hohe Aufkommen sog. Hidden Champions oder Diamanten in ländlichen Regionen. Steven Hill richtet daher an junge Digitalunternehmer den Appell:

“Mein dringender Rat an junge Digitalunternehmer und angehende Start-up-Hipster: Geht raus aus Berlin. Lasst München und Hamburg hinter Euch. Geht nach Meschede.” Denn in solchen Provinzstädten säßen die “Hidden Champions”, die weltweit erfolgreichen Experten für hochspezialisierte Maschinen und Bauteile, die nun ans Internet der Dinge angeschlossen werden. (in: Das deutsche Valley – Die Silicon-Valley-Illusion).

Westfalen ist mit Hidden Champions reichlich gesegnet. Wo es manchmal noch hapert ist Vernetzung mit anderen Akteuren und Institutionen in der Region. Ein Vorbildfunktion in Westfalen hat für mich derzeit der “Standort” Lemgo, wo in den nächsten Jahren der Innovation Campus Lemgo entstehen soll (Vgl. dazu: Innovation Campus Lemgo – Leuchtturm für die Technologieregion Ostwestfalen-Lippe).

Vorbildlich auch das TechnologieZentrum Dortmund. Die Region Südwestfalen verfügt bereits über zahlreiche Kompetenznetzwerke und Cluster, ebenso wie das Münsterland.

Die Verbundenheit mit der Region ist daher alles andere als ein Zeichen von Rückständigkeit – im Gegenteil, sie ist der Quell des Erfolges, wie der bereits erwähnte Michael E. Porter hervorhob:

Der heimische Stützpunkt ist das Land, in dem die wesentlichen Wettbewerbsvorteile des Unternehmens geschaffen und gewahrt werden. Dort wird die Strategie eines Unternehmens festgelegt, und dort werden das Kernprodukt und die Verfahrenstechnologie geschaffen und aufrechterhalten. Im allgemeinen, wenn auch nicht immer, wird dort sehr aufwendig produziert. Oft sind Firmen anderweitig auch in einer Anzahl anderer Länder tätig.

Der heimische Stützpunkt ist der Ort vieler der produktivsten Arbeitsplätze, der Kerntechnologien und der höchsten Qualifikationen. Die Existenz des heimischen Stützpunkts in einem Land hat zugleich die größten Einflüsse auf andere verwandte heimische Branchen und führt zu weiteren Vorteilen für den Wettbewerb eines Landes (in: Nationale Wettbewerbsvorteile).

Diamanten haben in Westfalen Zukunft.

 

Dieser Beitrag wurde unter Regionen und Städte, Technologie, Verkehr, Infrastruktur und Logistik, Wirtschaft, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar