Westfälische Staats- und Gesellschaftstheoretiker

Von Ralf Keuper

Obwohl es einen Staat Westfalen nie gegeben hat oder vielleicht auch gerade deshalb, haben sich westfälische Gelehrte über die Jahrhunderte intensiv mit der Frage beschäftigt, wie das Staatswesen zu organisieren ist. Der früheste und bis heute einer der wirkungsmächtigsten war Johannes Althusius, geboren in Bad Berleburg. Bis zum heutigen Tag sehr umstritten, wenngleich ein äußerst scharfsinniger Geist,  ist der “Kronjurist” der Nationalsozialisten, Carl Schmitt aus Plettenberg. Zwischen diesen beiden, wenn man so will, “Extremen” bewegen sich die anderen Juristen, Philosophen und Soziologen. Nicht ohne Einfluss war auch Johann Plenge, auf den ein so zweifelhafter Begriff wie Volksgemeinschaft zurückgeht. Einer der bedeutendsten und produktivsten Gesellschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts ist der Bielefelder Systemtheoretiker Niklas Luhmann, dem auch sein langjähriger Widersacher Jürgen Habermas bescheinigte, ein großer Geist zu sein, von dem man viel lernen könne. Ein weiterer Soziologe, der eine eigene Gesellschaftstheorie entworfen hat, ist Günter Dux, der an der Universität Freiburg lehrt(e).
Wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus ähnlich umstritten bzw. belastet wie Carl Schmitt ist Helmut Schelsky. Als einer der Gründungsprofessoren der Uni Bielefeld sorgte Schelsky für die Gründung der ersten Soziologie-Fakultät Deutschlands.

Kaum bekannt ist, dass die wohl einflussreichste sozialwissenschaftliche Theorie des vergangenen Jahrhunderts, Max Webers “Protestantische Ethik” ihre Vorlage in Ostwestfalen fand. Max Webers Vater stammte aus einer Bielefelder Unternehmerfamilie. Seine Frau Marianne kam aus Oerlinghausen, wo bis zu seinem Tod auch Niklas Luhmann wohnte.
Der Völkerrechtler Walther Adrian Schücking war als erster Deutscher ständiger Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Ihm zu Ehren wurde das 1914 gegründete Kieler Institut für Internationales Recht im Jahr 1995 in Walter Schücking-Institut für internationales Recht umbenannt.

Einen Sonderstatus kann auch Johann Stephan Pütter aus Iserlohn für sich beanspruchen, über den es in Wikipedia heißt:

Seinerzeit galt Pütter als der wohl bedeutendste und erfolgreichste Staatsrechtslehrer, wenn nicht Rechtslehrer überhaupt. (…)

Gustav von Ewers begründete die Russische Rechtsgeschichte als Lehrfach.

Ebenfalls im positiven Sinn aus der Reihe fällt der Mindener Franz Boas, Begründer der modernen Anthropologie und von keinem geringeren als dem legendären Claude Levi Strauss als “einer der letzten Titanen des 19. Jahrhunderts” bezeichnet.

Von dem Schriftsteller Martin Mosebach “als erster und wichtigster Kritiker des absolutistischen Staates” beschrieben, hat sich Justus Möser vor allem in seinen “Patriotischen Phantasien” intensiv mit Fragen des Staatswesens und des Rechts beschäftigt.

Vor diesem Hintergrund es nicht verwunderlich, dass der erste, Hermann Höpker-Aschoff, wie auch der aktuelle Präsident des Bundesverfassungsgericht, Andreas Voßkuhle, aus Westfalen stammen.

Im münsterländischen Hopsten wuchs Alexander von Stahl auf, der von 1990 bis 1993 Generalbundesanwalt war.

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