Wer in Herford aufwächst, wächst zwischen Möbeln auf. Das Ravensberger Land ist bis heute eines der Zentren der deutschen Möbelindustrie, und das gilt für Ostwestfalen-Lippe insgesamt. Nobilia in Verl, Nolte in Löhne und Häcker in Rödinghausen gehören zu den bekanntesten Küchenherstellern des Landes. Aus kleinen Tischlereien wurden hier Serienfertiger, aus Serienfertigern Markenhersteller mit überregionalem Vertrieb. Neben den Namen, die sich gehalten haben, stehen viele, die auf diesem Weg verschwunden sind. Einer von ihnen ist Heidapal, die Küchenmarke der Herforder Unternehmerfamilie Heidemann. In den 1960er-Jahren warb sie in Zeitschriften mit dem schlichten Zusatz „Wilhelm Heidemann, Herford“. Rund zwei Jahrzehnte später war die Gruppe zusammengebrochen.

Die Geschichte von Heidapal ist lückenhaft überliefert. Gerade die entscheidende Frage, warum die Gruppe scheiterte, lässt sich aus den frei zugänglichen Quellen bislang nicht beantworten. Was sich aber rekonstruieren lässt, ist bemerkenswert genug. Es zeigt ein Unternehmen, das weit über Herford hinausgewachsen war, und einen Industriestandort, der den Namen seines Gründers überlebt hat.


Mehr als ein Küchenhersteller

Heidapal war keineswegs nur eine Küchenmarke. Ein Patent von 1969 über einen Schwenkbeschlag für Betten läuft auf die Heidapal-Werke Wilhelm Heidemann KG. Das Sortiment reichte also zeitweise ins Schlafzimmer hinein.

Wichtiger noch ist ein zweiter Fund. Mitte der 1970er-Jahre meldete eine Heidapal-Spanplattenwerk GmbH mit Sitz in Beelen Schutzrechte für Holzplatten an, darunter eine geprägte, beschichtete Platte. Beelen liegt im Kreis Warendorf, also nicht mehr im Ravensberger Land, sondern im Münsterland. Heidapal stellte damit den wichtigsten Werkstoff seiner Möbel selbst her. Fachleute sprechen in solchen Fällen von vertikaler Integration: Ein Unternehmen übernimmt eine vorgelagerte Stufe der Wertschöpfung, statt den Rohstoff am Markt einzukaufen. Für einen Küchenhersteller ist das naheliegend, denn der Korpus einer Einbauküche besteht im Wesentlichen aus beschichteter Spanplatte.

Ein dritter Standort lag im Kreis Höxter. Eine Firmenbroschüre von 1981 zeigt einen Heidapal-Lastwagen mit der Aufschrift „H8-Küchen“ in Steinheim-Sandebeck, am Rand des Eggegebirges. Dieselbe Broschüre führt die Sprachen auf, in denen Heidapal-Küchen angeboten wurden. Die Gruppe verkaufte also nicht nur in Ostwestfalen und der Bundesrepublik, sondern auch im Ausland.

Herford, Beelen und Sandebeck: Am Ende der 1970er-Jahre war aus dem Familienbetrieb eine Gruppe mit mehreren Werken, eigener Plattenfertigung und internationalem Vertrieb geworden.

Der Verein und der Unternehmer

Wie eng Heidapal mit der Stadt verbunden war, zeigt der Fußball. Seit 1976 trat die Gruppe als Trikotsponsor des SC Herford auf. Ihr Hauptgeschäftsführer Hans Heidemann leitete zugleich die Fußballabteilung des Vereins. Es war die beste Zeit des Herforder Fußballs: Zwischen 1976 und 1981 spielte der Verein insgesamt vier Jahre in der Nordstaffel der damals zweigleisigen 2. Bundesliga. Im selben Zeitraum war Heidapal auch im Motorsport präsent.

1981 verpasste der SC Herford die Qualifikation für die neue eingleisige 2. Bundesliga und stieg in den Amateurfußball ab. Fast zur selben Zeit brach die Heidapal-Gruppe zusammen. Dem Verein fehlten nun fest eingeplante Gelder. Die Spieler warteten nach der überlieferten Darstellung monatelang auf Prämien und Fahrtkostenersatz.

Am 4. Januar 1982 meldete die Fußball-Woche, die Staatsanwaltschaft Bielefeld habe Hans Heidemann wegen des Verdachts des bewussten Bankrotts verhaftet. Bankrott ist im deutschen Strafrecht kein Synonym für Pleite, sondern ein eigener Straftatbestand. Er erfasst etwa das Beiseiteschaffen von Vermögen oder die Benachteiligung von Gläubigern in einer Lage, in der ein Unternehmen bereits überschuldet oder zahlungsunfähig ist. Die Meldung sagt also etwas über den Gegenstand der Ermittlungen, nicht über deren Ergebnis. Wie das Verfahren ausging, ist aus den zugänglichen Quellen nicht ersichtlich.

Was die Quellen offenlassen

Damit bleibt die Kernfrage offen. Weder ist belegt, ob Heidapal an Überschuldung, an fehlender Liquidität, an Forderungsausfällen oder an Entscheidungen der Unternehmensführung scheiterte, noch, in welchem Verhältnis diese Faktoren zueinander standen.

Einige Indizien lassen sich dennoch zusammenführen. Eine Gruppe mit drei Werken, eigener Plattenfertigung und Auslandsvertrieb ist kapitalintensiv. Sie bindet hohe Summen in Maschinen, Gebäuden und Lagerbeständen. Zu Beginn der 1980er-Jahre stiegen die Zinsen stark, und die Nachfrage nach Möbeln ging zurück. Für ein so aufgestelltes Unternehmen ist das eine gefährliche Kombination. Hinzu kommt die Verflechtung von Unternehmen, Familie und Verein: Wenn ein Geschäftsführer zugleich Mäzen ist, laufen die Risiken mehrerer Lebensbereiche über dieselbe Person. Ob es tatsächlich so war, ist eine vorläufige Vermutung, mehr nicht. Belastbar beantworten ließe sich die Frage nur mit den Konkurs- und Strafakten von 1981/82 und mit der damaligen Lokalpresse in Herford, Höxter und Warendorf.

Heidapal stand mit seinem Ende nicht allein. Das Küchenplaner-Magazin nennt den Namen in einer Reihe mit Beka, Ebke, Goldreif, Horst-Küchen, Klostermann und anderen Marken, die im langen Konzentrationsprozess der Branche verschwunden sind.

Was blieb

Bemerkenswert ist, was nach dem Zusammenbruch geschah. In Sandebeck übernahm ein neuer Eigentümer das Heidapal-Küchenmöbelwerk und dazu das ebenfalls in Konkurs gegangene Spanplattenwerk Novespa. Daraus entstand Kronospan Sandebeck. Kronospan ist ein Hersteller von Span- und MDF-Platten, Arbeitsplatten und Laminatböden und gehört heute zur Kronogruppe mit Sitz in der Schweiz. In der eigenen Firmenchronik führt Kronospan Sandebeck mit dem Jahr 1982. Das Werk in der Leopoldstaler Straße arbeitet bis heute.

Die Gesellschaft dagegen verschwand nur langsam aus den Akten. Die Heidapal-Verwaltungsgesellschaft Wilhelm Heidemann GmbH & Co. war ursprünglich beim Amtsgericht Herford eingetragen und wurde dort 1993 gelöscht. Später wurde sie beim Amtsgericht Bad Oeynhausen geführt. Dort wurde sie am 3. Juli 2012 von Amts wegen als erloschen eingetragen, drei Jahrzehnte nach dem wirtschaftlichen Ende.

So endet die Geschichte von Heidapal mit einer westfälischen Pointe. Die Marke ist verschwunden, die Familie aus der Branche ausgeschieden, der Verein hat den Profifußball nie wieder erreicht. Am Fuß des Eggegebirges aber werden weiter Platten gepresst, wo früher Heidapal-Küchen vom Hof fuhren. Der Name ist gegangen, die industrielle Substanz geblieben. Wer die Möbelregion zwischen Herford, Beelen und Höxter verstehen will, findet in solchen Fällen ein wiederkehrendes Muster: Unternehmen kommen und gehen, die Standorte und das Können der Menschen dort erweisen sich oft als dauerhafter als die Firmen, die sie einmal getragen haben.

Ralf Keuper


Quellen

Von Rolevinck

Schreibe einen Kommentar