Wer in Lemgo, der alten Hansestadt in Lippe, nach dem größten Sohn der Stadt fragt, bekommt meist einen Namen genannt: Engelbert Kaempfer. 1651 als Pastorensohn geboren, 1716 in Lemgo gestorben, dazwischen liegt eine Reise, die ihn über Russland, Persien, Indien und Südostasien bis nach Japan führte. Die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) brachte ihn dorthin, als Arzt im Dienst ihrer Handelsniederlassung. Zurückgekehrt, wurde der Weitgereiste Leibarzt des Grafen zur Lippe, also wieder ein Westfale in Westfalen.
Wie ein solches Leben einzuordnen ist, behandelt der von Detlef Haberland herausgegebene Sammelband „Engelbert Kaempfer (1651–1716): Ein Gelehrtenleben zwischen Tradition und Innovation“ (Harrassowitz, Wiesbaden). Haberland, der seit Jahren Kaempfers Werk herausgibt und erforscht, versammelt darin interdisziplinäre Aufsätze. Ihr gemeinsamer Nenner: Kaempfer steht an einer Epochenschwelle, zwischen dem gelehrten Späthumanismus des Barock und der beobachtenden, vergleichenden Wissenschaft der Frühaufklärung.
Zwischen Gelehrtensprache und Augenschein
Das Spannungsfeld im Titel ist wörtlich zu nehmen. Kaempfer schrieb sein botanisch-medizinisches Hauptwerk, die „Amoenitates exoticae“ (1712), auf Latein, der Sprache der Gelehrten. Zugleich arbeitete er so, wie es das neue Jahrhundert verlangte: mit eigenen Beobachtungen vor Ort, mit Zeichnungen, mit genauen Beschreibungen. Haberlands eigener Beitrag im Band („Zwischen Humanismus und Humboldt“) fragt nach dem landeskundlichen und topographischen Denken Kaempfers und spannt den Bogen bis zu Alexander von Humboldt. Ein weiterer Aufsatz, von Nils Büttner, widmet sich Kaempfers Landschaftszeichnungen und den Illustrationen seiner gedruckten Werke.
Japan: Beobachten unter Aufsicht
Ein Schwerpunkt liegt auf Japan. Das Land war zu Kaempfers Zeit weitgehend abgeschlossen; die Europäer durften nur in streng kontrollierten Grenzen verkehren. Kaempfer gewann seine Kenntnisse über Staat, Hofzeremoniell und Alltag trotzdem, durch Beobachtung bei den vorgeschriebenen Reisen und durch Gespräche mit japanischen Informanten. Daraus entstand ein Bild des Landes, das in Europa lange maßgeblich blieb. Auch den Ginkgo machte er im Westen bekannt; seine Pflanzenzeichnungen dienten späteren Botanikern, unter ihnen Carl von Linné, als Grundlage.
Der späte Ruhm
Zu Lebzeiten erschien nur ein Teil seines Werks. Das große Japanbuch blieb Manuskript. Nach seinem Tod kaufte der Londoner Arzt und Sammler Hans Sloane den Nachlass; die Handschriften liegen bis heute in London. Der Schweizer Johann Caspar Scheuchzer übersetzte das Japanwerk ins Englische (1727), und so lernte Europa Kaempfer zuerst in dieser Sprache kennen. Die deutsche Ausgabe besorgte erst Christian Wilhelm Dohm, 1777 und 1779, ausgerechnet wieder in Lemgo. Die kritische Edition der Originalmanuskripte, an der Haberland beteiligt ist, erscheint seit 2001. Mehr als drei Jahrhunderte nach seinem Tod wird Kaempfers eigener Text also erst vollständig zugänglich.
Ein Westfale, der die Welt vermaß
Kaempfer passt nicht in das Klischee vom bodenständigen Westfalen. Er hatte Zeit in Danzig, Krakau, Königsberg und Uppsala verbracht, war an den Hof des persischen Großkönigs gelangt und hatte Batavia und Nagasaki gesehen, ehe er in der lippischen Kleinstadt endete. Man kann das als Ausnahme lesen. Man kann es auch als Hinweis darauf nehmen, wie weit der Horizont einer Hansestadt wie Lemgo reichte, in der ein Pastorensohn eine Bildung erwerben konnte, die ihn für diese Reise ausrüstete. Der Sammelband hilft, beides zu sehen: den Einzelnen und das gelehrte Netz, in dem er stand.
Ralf Keuper
Quellen
- Detlef Haberland (Hrsg.): Engelbert Kaempfer (1651–1716): Ein Gelehrtenleben zwischen Tradition und Innovation, Wiesbaden: Harrassowitz (Erscheinungsjahr in Katalogen mit 2004 bzw. 2005 angegeben)
- Haberland, „Zwischen Humanismus und Humboldt“ (Nachweis): https://data.isiscb.org/isis/authority/CBA000051661/
- Nils Büttner, „Reisebilder“ (S. 77–104 im Band): https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/1045/1/Nils_Buettner_Reisebilder_2004.pdf
- Encyclopaedia Iranica, Artikel „Kaempfer, Engelbert“ (Lebensdaten, Nachlass, Sloane, Scheuchzer, Dohm): https://www.iranicaonline.org/?p=4361
- Wikipedia, „Engelbert Kaempfer“ (Werkausgabe seit 2001, Handschriften in London, Dohm-Ausgabe Lemgo 1777/79): https://de.wikipedia.org/wiki/Engelbert_Kaempfer
