Ein Schlosser aus Werden, zwölf Mitarbeiter, ein Standort in Gelsenkirchen-Schalke: 1875 beginnt Friedrich Küppersbusch mit der Serienproduktion von Herden und Öfen. Was folgt, ist keine bloße Erfolgsgeschichte – sondern ein Lehrstück über industriellen Aufstieg, strukturellen Wandel und die Frage, was von westfälischer Produktionskultur übrig bleibt, wenn Konzernlogik und Designpreis an die Stelle von Schmiede und Feldküche treten.


Gelsenkirchen ist kein naheliegender Ort für eine Küchengeräte-Legende. Die Stadt steht für Kohle, Stahl, Schalke – für jene raue Industrialität des Reviers, die wenig Raum ließ für kulinarische Ästhetik. Und doch wuchs hier, aus handwerklichen Anfängen, eines der bemerkenswertesten Produktionsunternehmen der deutschen Konsumgüterindustrie heran: die Firma Küppersbusch.

Friedrich Küppersbusch, gelernter Schlosser, erkannte früh, was die Industrialisierung brauchte: keine Einzelstücke, sondern Serien. 1875 beginnt er in Schalke mit zwölf Beschäftigten die standardisierte Fertigung von Herden und Öfen – zu einem Zeitpunkt, als die Massenproduktion von Haushaltswaren noch weitgehend ein Versprechen ist. Das ist kein Zufall. Der Standort im Revier bietet Eisenverarbeitung, Arbeitskräfte, Eisenbahnanbindung. Die Ruhrregion ist damals nicht nur Kohle- und Stahlrevìer, sondern auch ein Inkubator für industrielle Vorwärtsstrategie.

Der Aufstieg verläuft konsequent. Bis 1907 beschäftigt das Unternehmen 2.000 Menschen; 1913 verlassen täglich 350 Einheiten das Werk. Küppersbusch ist zu diesem Zeitpunkt Deutschlands größte Spezialfabrik für Kochgeräte – ein Titel, der nicht durch Marketing entsteht, sondern durch Fertigungstiefe, Skalierung und frühe Diversifikation in Großküchengeräte (ab 1898) und Elektroherde (ab 1925). Das ist, in der Sprache Alfred Chandlers, der Übergang von der Werkstatt zum Großunternehmen durch Investition in Produktion, Vertrieb und Management zugleich.

Der Erste Weltkrieg bringt den ersten großen Bruch: Das Werk produziert Feldküchen. Wie so viele westfälische und rheinische Industriebetriebe wird Küppersbusch in den Rüstungskreislauf eingespannt – und überlebt ihn. Der Zweite Weltkrieg ist existentieller: 1944 zerstören Bombenangriffe das Gelsenkirchener Werk vollständig. Was folgt, ist kein nostalgischer Wiederaufbau, sondern industrielle Erneuerung im Zeichen des Wirtschaftswunders. Blitzkochplatten und Einbauküchen bedienen den Ausstattungshunger einer Gesellschaft, die sich neu einrichtet – buchstäblich.

Dann, 1982, der nächste Strukturbruch: Als AEG-Tochter gerät Küppersbusch in die Schieflage des Mutterkonzerns. Die AEG-Krise ist einer der meistkommentierten Konzernzusammenbrüche der Bundesrepublik – und Küppersbusch gehört zu jenen Töchtern, die den Strudel der Mutterkrise miterleben, ohne selbst der Auslöser gewesen zu sein. 1999 übernimmt die spanische Teka Group. Ein westfälisches Industrieunternehmen wechselt den Eigentümer – ein Vorgang, der im Ruhrgebiet dieser Jahrzehnte Regel ist, nicht Ausnahme.

Was bleibt? Die Marke. Und der Standort. Küppersbusch Hausgeräte GmbH firmiert weiterhin in Gelsenkirchen, produziert heute Premium-Einbaugeräte, gewinnt Red Dot und iF Design Awards, bewirbt eine propriätäre ökotherm®-Technologie. Das ist nicht trivial. In einer Branche, die von globalen Plattformangeboten dominiert wird, behauptet eine Marke mit Schalker Wurzeln eine Nische im oberen Segment – nicht durch Volumen, sondern durch Positionierung.

Ob das eine westfälische Erfolgsgeschichte ist, hängt davon ab, was man unter Erfolg versteht. Die Eigenständigkeit ist längst verschwunden; die Produktionskapazitäten des Originals existieren nicht mehr. Was geblieben ist, ist ein Name – und hinter dem Namen eine Kontinuität, die mehr bedeutet als bloßes Marken-Management: die stille Insistenz, dass Gelsenkirchen auch Küche kann.

Das ist, in der langen Geschichte westfälischer Industrie, keine schlechte Botschaft.

Ralf Keuper


Quelle: Küppersbusch https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Küppersbusch

Von Rolevinck

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