Am 15. März 2026 ist Egidio Marzona im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben. Mit ihm verliert Westfalen einen seiner eigenwilligsten und international wirkungsvollsten Kulturakteure – einen Mann, der von Bielefeld aus eine der bedeutendsten Kunstsammlungen des 20. Jahrhunderts aufbaute und damit die Museumslandschaft in Berlin und Dresden nachhaltig prägte.


Bielefelder Wurzeln einer europäischen Sammlerfamilie

Marzonas Geschichte ist eine Geschichte zwischen Italien und Westfalen. Sein Großvater stammte aus der Gemeinde Verzegnis im Friaul und wanderte um 1900 nach Deutschland aus, wo er als Ingenieur am Bau des Schiffshebewerks Henrichenburg und der Schleuse Münster mitwirkte. Der Vater gründete nach dem Zweiten Weltkrieg in Bielefeld ein Betonwerk. Egidio Marzona, am 3. Oktober 1944 als drittes von vier Geschwistern geboren, schlug den vom Vater vorgesehenen Weg nicht ein. Ihn zog es zur Kunst.

Galerie und Verlag: Bielefeld als Startpunkt

Bereits als Mittdreißiger begann Marzona, Werke der Arte Povera, des Minimalismus, der Land Art und der Konzeptkunst zu erwerben. 1972 eröffnete er – auf Anregung von Joseph Beuys – in Bielefeld eine Galerie, die früh internationale Positionen zeigte. Obwohl er den Galeriebetrieb bald wieder einstellte, weil er nach anderen Erkenntnisformen suchte als der Kunsthandel sie bieten konnte, erwuchs aus diesem Bielefelder Anfang etwas Dauerhafteres: die Edition Marzona, ein Verlag für Künstlerbücher und Publikationen zu Bauhaus, Fotografie, Typografie und Architektur. Parallel dazu begann die systematische Sammeltätigkeit, die Marzonas Lebenswerk werden sollte.

Die Kunsthalle Bielefeld als Schauplatz

Bielefeld blieb über die frühen Gründerjahre hinaus ein Ort, an dem Marzonas Sammlung öffentlich sichtbar wurde. Bereits 1990 zeigte die Kunsthalle Bielefeld eine erste Präsentation unter dem Titel „Concept Art, Minimal Art, Arte Povera, Land Art – Sammlung Marzona“. Elf Jahre später folgte die große Ausstellung „Art Works – Sammlung Marzona. Kunst um 1968″, kuratiert von Thomas Kellein, dem damaligen Leiter der Kunsthalle. Es war eine Schau, die Bielefeld vorübergehend zu einem Referenzort für die Beschäftigung mit der Nachkriegsavantgarde machte. Kellein urteilte seinerzeit, es gebe weltweit keine vergleichbare Quelle, mit der die Epoche von der Minimal Art bis zur Arte Povera besser studiert werden könne.

Vom westfälischen Sammler zum Mäzen von Weltrang

Was Marzonas Ansatz von anderen Sammlern unterschied, war sein Interesse am Entstehungsprozess der Kunst. Er sammelte nicht nur Gemälde, Skulpturen und Installationen, sondern ebenso Briefe, Manifeste, Entwürfe, Kataloge, Einladungskarten und Fotografien – ein Archiv, das am Ende rund 1,5 Millionen Objekte umfasste. Für Marzona war eine Einladungskarte so bedeutsam wie ein Gemälde, weil beides Zeugnis des künstlerischen Denkens ablegte.

Ab 2002 gingen zunächst über 600 Kunstwerke und 40.000 Archivalien an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. 2016 folgte die große Schenkung an den Freistaat Sachsen: das „Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona“ (ADA) in Dresden, das 2024 im umgebauten Blockhaus an der Elbe eröffnet wurde und noch im selben Jahr vom internationalen Kunstkritiker-Verband AICA zum Museum des Jahres gewählt wurde. Noch 2025 schenkte Marzona der Berliner Kunstbibliothek 22 seltene Künstlerbücher der Konzeptkunst aus den 1960er Jahren.

Ein westfälischer Nachruf

Es wäre zu einfach, Marzona nur als Berliner oder Dresdner Kulturakteur zu erinnern. Seine Biografie beginnt in Bielefeld, seine frühe Sammlertätigkeit ist dort verankert, seine Galerie, sein Verlag und zwei bedeutende Ausstellungen in der Kunsthalle bezeugen eine Verbindung, die über Jahrzehnte Bestand hatte. Dass die Bestände schließlich in die Museen der Hauptstädte wanderten, sagt weniger über Marzona als über die begrenzten institutionellen Möglichkeiten der westfälischen Kulturlandschaft aus. Bielefeld war der Ausgangspunkt – und hätte, unter anderen Umständen, vielleicht auch mehr sein können.

Egidio Marzona hinterlässt seine Lebenspartnerin, eine Tochter und eine Enkeltochter. Sein Sohn Daniel Marzona, der als Galerist in Berlin wirkte und sich zuletzt für das Dresdner Archiv engagierte, war bereits 2024 verstorben.

Ralf Keuper 


Quellen:

Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Nachruf Egidio Marzona (16.03.2026) https://www.preussischer-kulturbesitz.de/news-detail/artikel/2026/03/16/stiftung-preussischer-kulturbesitz-trauert-um-egidio-marzona.html

Staatliche Kunstsammlungen Dresden: Nachruf (2026) https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2026/die-staatlichen-kunstsammlungen-dresden-trauern-um-egidio-marzona-1944-2026/

Archiv der Avantgarden (SKD): Nachruf Egidio Marzona https://archiv-der-avantgarden.skd.museum/ueber-uns/nachruf-egidio-marzona/

KUNSTFORUM International: Kunstsammler und Mäzen Egidio Marzona verstorbenhttps://www.kunstforum.de/nachrichten/kunstsammler-und-maezen-egidio-marzona-verstorben/

Der Tagesspiegel: Zum Tod des Sammlers Egidio Marzona – Sein Blick auf die Kunst veränderte die Dingehttps://www.tagesspiegel.de/kultur/zum-tod-des-sammlers-egidio-marzona-sein-blick-auf-die-kunst-veranderte-die-dinge-15365716.html

Der Tagesspiegel: Kunstsammlung Marzona – Der Reichtum der Gedanken (2001)https://www.tagesspiegel.de/kultur/kunstsammlung-marzona-der-reichtum-der-gedanken/237050.html

Wikipedia: Egidio Marzona https://de.wikipedia.org/wiki/Egidio_Marzona

Wikipedia: Archiv der Avantgarden https://de.wikipedia.org/wiki/Archiv_der_Avantgarden

Kunsthalle Bielefeld: Ausstellungsarchiv (Sammlung Marzona 1990 und 2001) https://kunsthalle-bielefeld.de/programm/ausstellungen/archiv/

KUNSTFORUM International: Claudia Posca über „Art Works – Sammlung Marzona“, Kunsthalle Bielefeld 2001https://www.kunstforum.de/artikel/sammlung-marzona/

Hatje Cantz Verlag: Sammlung Marzona – Kunst um 1968 (Katalog) https://www.hatjecantz.com/products/14886-sammlung-marzona

dpa/supertipp-online: Kunstsammler und Mäzen Egidio Marzona gestorben (17.03.2026) https://supertipp-online.de/nachrichten/nrw/kunstsammler-und-maezen-egidio-marzona-gestorben-id564215

Von Rolevinck

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