Fritz Berg wurde am 27. August 1901 in Altena (Westfalen) geboren – in einer Stadt, die wie kaum eine andere für die metallverarbeitende Industrie des märkischen Sauerlandes steht. Die Draht- und Metallwarenproduktion war dort nicht nur Wirtschaftszweig, sondern kollektive Identität. In diesem Milieu wuchs Berg als Sohn des Unternehmers Wilhelm Berg auf, der eine Firma für Metallerzeugnisse betrieb: Eisen- und Stahldrähte, Fahrradspeichen, Schrauben, Stahldrahtbetten.

Berg besuchte das Realprogymnasium Altena, danach folgte eine kaufmännische Ausbildung – klassisch westfälisch: pragmatisch, bodenständig, auf das Praktische gerichtet. Ein kurzes Studium in Köln (1921/22) lieferte die akademische Patina, doch den entscheidenden Horizont öffnete ein mehrjähriger USA-Aufenthalt (1925–1928), unter anderem bei den Ford-Werken in Detroit. Die Begegnung mit amerikanischer Industrieorganisation und Massenproduktion hinterließ sichtbare Spuren in seinem späteren Denken über Wirtschaftspolitik und transatlantische Beziehungen.


Unternehmer und Verbandsfunktionär in der NS-Zeit

1928 trat Fritz Berg in das väterliche Unternehmen ein, 1934 wurde er Teilhaber, 1940 nach dem Tod eines Mitgesellschafters Alleininhaber. Das Unternehmen Wilhelm Berg hatte sich mittlerweile zu einem überregionalen Betrieb entwickelt: Zweigwerke in Berlin, Breslau, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München, Nürnberg und weiteren Städten.

Bergs Karriere verlief in der NS-Zeit auf zwei parallelen Gleisen. Als Unternehmer expandierte er, als Verbandsfunktionär übernahm er in der Reichsgruppe Industrie Leitungsfunktionen für Fachgruppen (Fahrradteile, Betten und Matratzen) und stieg bis zum stellvertretenden Leiter der Wirtschaftsgruppe Eisen-, Stahl- und Blechwarenindustrie auf. 1942 wurde er Mitglied des Beirats der Gauwirtschaftskammer, 1944 zum Ratsherrn der Stadt Altena berufen.

Hinzu kommt: Berg beantragte am 13. November 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.300.965). Diese Tatsache ist Teil seiner Biografie – sie gehört zur Konstellationsanalyse seiner Nachkriegskarriere.


Entnazifizierung und nahtloser Neustart

Im Mai 1947 stufte ihn der Hauptausschuss zur Entnazifizierung in Kategorie V als „unbelastet“ ein. Das Ergebnis war seinerzeit nicht ungewöhnlich, es war jedoch auch nicht selbstverständlich: Bergs Einstufung profitierte von einem Verfahren, das funktionale Mitgliedschaft in NS-Institutionen häufig als rein formale Pflichterfüllung beurteilte.

Nahtlos knüpfte seine Nachkriegsbiografie daran an: Bereits 1946 übernahm er den Vorsitz des Wirtschaftsverbandes Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie in Düsseldorf. Im Spätsommer desselben Jahres wurde er Präsident der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen. Im Oktober 1949 – vier Jahre nach Kriegsende – wählte ihn eine überwältigende Mehrheit zum ersten Präsidenten des neu gegründeten Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).


22 Jahre BDI-Präsident: Architekt des Wirtschaftswunders

Von 1949 bis 1971 führte Fritz Berg den BDI – länger als jeder seiner Nachfolger. In diese Zeit fiel der wirtschaftliche Wiederaufbau der Bundesrepublik, die Westintegration, das Wirtschaftswunder, der Aufbau des europäischen Binnenmarktes und die Auseinandersetzungen um Mitbestimmung und Tarifautonomie.

Berg leitete 1951 die erste westdeutsche Industriellen-Delegation in die USA – ein symbolisch wie praktisch bedeutsamer Schritt. Er engagierte sich im Ausschuss für Fragen des Marshall- und Schumanplans und wurde Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. International war er als Kommandeur der französischen Ehrenlegion, als Ehrenkommandeur des Order of the British Empire und durch weitere Auszeichnungen anerkannt. Im Inland wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik geehrt.


Bruch im Bild: Die Aussage von 1969

Das Bild des staatstragenden Industrieführers hat einen tiefen Riss. Im Herbst 1969 erschütterten die sogenannten „wilden Septemberstreiks“ die Stahlindustrie des Ruhrgebiets – spontane, gewerkschaftlich nicht gedeckte Arbeitsniederlegungen von mehr als 140.000 Arbeitern. Berg kommentierte das Geschehen mit den Worten, man hätte „ruhig schießen sollen, dann herrscht wenigstens Ordnung.“

Diese Aussage ist nicht als rhetorische Entgleisung abzutun. Sie offenbart eine Grundhaltung, die Ordnung als Voraussetzung von Produktivität begreift und soziale Konflikte vorrangig als Störung des Betriebsablaufs. Sie verweist auf ein Ordnungsdenken, das mit den demokratischen Spielregeln der Bundesrepublik prinzipiell vereinbar schien – solange es keine Herausforderung gab. Im Moment der Herausforderung zeigten sich die Grenzen dieser Vereinbarkeit.


Verwicklungen und Vermächtnis

Berg war auch Geschäftsführer der Staatsbürgerlichen Vereinigung und dadurch in die umstrittene Parteienfinanzierung der CDU in den 1970er Jahren verstrickt. Die Grenzen zwischen unternehmerischer Interessenvertretung, politischer Einflussnahme und demokratischer Rechenschaftspflicht verliefen in seiner Welt fließend.

Sein Vermächtnis ist institutionell vielgestaltig: Die von ihm testamentarisch verfügte Fritz-Berg-Stiftung betreibt seit 1995 das Fritz-Berg-Haus, eine Pflegeeinrichtung in Altena. Seine zweite Frau Hildegard hinterließ dem Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen eine bedeutende Kunstsammlung mit Werken des Impressionismus und Expressionismus. Die Stadt Altena benannte 1982 eine Brücke über die Lenne nach ihm.


Einordnung

Fritz Berg ist eine typische Figur der westdeutschen Gründungsgeneration: verwurzelt in der industriellen Tradition Westfalens, pragmatisch geformt durch Lehrjahre in Amerika, kompromittiert durch die NS-Zeit, rehabilitiert durch ein mildes Entnazifizierungsverfahren, und anschließend zu einem zentralen Akteur des westdeutschen Wirtschaftswunders geworden.

Seine Karriere illustriert weniger ein individuelles Schicksal als eine strukturelle Konstellation: die personelle Kontinuität der deutschen Industrie über die Zäsur von 1945 hinaus, die institutionellen Voraussetzungen dieser Kontinuität und die Normen, nach denen Ordnung, Autorität und wirtschaftliche Vernunft in dieser Generation definiert wurden.

Altena hat in ihm eine Figur, die den Aufstieg der sauerländischen Metallwirtschaft zur nationalen Bedeutung verkörpert – mit allen Ambivalenzen, die dieser Aufstieg trägt.

Ralf Keuper


Quelle: Fritz Berg https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Berg

Von Rolevinck

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