Es gibt Menschen, deren Lebenswerk sich nicht in Jahreszahlen erschöpft, sondern in dem, was nach ihnen bleibt: Regale voller Bücher, ein Archiv, das heute noch nach ihrem Vorbild arbeitet, und Generationen von Studierenden, die eine Stadt lieben gelernt haben, weil einer ihnen zeigte, wie man sie liest. Reinhard Vogelsang war ein solcher Mensch. Am 23. Juni ist er im Alter von 87 Jahren gestorben – und mit ihm verliert Bielefeld den womöglich profundesten Kenner seiner eigenen Geschichte.
Vom kaufmännischen Elternhaus zum Stadtarchiv
1939 als Sohn eines kaufmännischen Angestellten in Bielefeld geboren, nahm Vogelsangs Weg zunächst den üblichen Umweg des Wissens: Abitur am Max-Planck-Gymnasium, dann Geschichte und Germanistik in Göttingen und Berlin, schließlich die Promotion. 1968 begann seine archivarische Laufbahn im Staatlichen Archivlager Göttingen. Doch die eigentliche Geschichte begann erst, als er zurückkehrte – als erster ausgebildeter Archivar seiner Heimatstadt. Ab 1971 baute er das heutige Stadtarchiv zu einem Großstadtarchiv aus und leitete es mehr als drei Jahrzehnte, bis 2004.
Ein Archiv als Haus der Geschichte
Vogelsang verstand sein Amt nie als reine Verwaltung von Akten. Als sich Mitte der 1980er-Jahre die Frage stellte, was aus der Ravensberger Spinnerei werden sollte, organisierte er eine Ausstellung zur Industriegeschichte – der Anstoß zur Gründung des Historischen Museums 1994, das er selbst mit aufbaute. Es war typisch für ihn: Geschichte sollte nicht im Depot verschwinden, sondern in die Stadt zurückwirken. Konsequent öffnete er das Stadtarchiv für alle und machte daraus, was man heute ein Haus der Geschichte nennen würde.
Lehrer aus Leidenschaft
Parallel zur Archivarbeit lehrte Vogelsang an der Pädagogischen Hochschule und ab 1974 an der Universität Bielefeld. Dort lag ihm besonders daran, Studierende für regionalgeschichtliche Themen zu begeistern – wohl wissend, dass jede neue Abschlussarbeit auch ein Stück Stadtgeschichte erschloss. 1988 würdigte das Land Nordrhein-Westfalen dieses Wirken mit einer Honorarprofessur, 1981 wurde er in die Historische Kommission für Westfalen berufen.
Das Standardwerk
Sein umfangreiches publizistisches Werk reicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart, doch überragt wird es von einem Werk: der dreibändigen „Geschichte der Stadt Bielefeld“, bis heute das Standardwerk zur Stadtgeschichte. Kaum jemand, der sich ernsthaft mit Bielefeld beschäftigt, kommt an ihm vorbei. Wie genau Vogelsang etwa in Band II den rasanten Aufstieg Bielefelds von einem 5.600-Seelen-Dorf zur Industriestadt nachzeichnete – getragen von der Ravensberger Spinnerei, einem Branchenmix aus Textil, Wäschefabrikation und Fahrradbau sowie den alteingesessenen Kaufmannsfamilien der Stadt –, zeigt eine ausführlichere Besprechung an anderer Stelle.
Zur vollständigen Analyse – Die Geschichte der Stadt Bielefeld, Band II
Ein Leben für den Historischen Verein
Auch außerhalb von Amt und Lehrstuhl blieb Vogelsang seiner Sache treu. Seit 1971 Mitglied im Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg, führte er ihn von 1980 bis 1989 als Vorsitzender und blieb bis 2015 im Vorstand aktiv. Der Verein würdigt ihn in seinem Nachruf als einen, der Glück in seinem Leben gehabt habe – vor allem aber sei es das Glück Bielefelds gewesen, dass gerade dieser Historiker seine Geschichtsschreibung prägte.
Reinhard Vogelsang hat Bielefeld nicht nur erforscht. Er hat der Stadt beigebracht, sich selbst zu verstehen. Das ist die Art von Vermächtnis, die bleibt, wenn die Akten längst neu sortiert sind.
Ralf Keuper
