Eine Gewerkschaftsidee wird zur ersten Direktbank Deutschlands

Der Startschuss für das filiallose Banking in Deutschland fiel in den 1960er Jahren – und das ausgerechnet auf Initiative einer Gewerkschaft. Die treibende Kraft war Georg Leber, damals Chef der IG Bau, der mit bemerkenswerter unternehmerischer Vision eine neue Form des Bankings für Arbeitnehmer konzipierte.

1965 gründete die BfG (Bank für Gemeinwirtschaft) die Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung AG (BSV) – und sie hat, wenn man so will, westfälische Wurzeln: Entstanden durch Umbenennung der Kreditbank Hagen GmbH, verlegte die neue Bank ihren Sitz allerdings sofort nach Frankfurt am Main. Hagen lieferte gleichsam die institutionelle Keimzelle; die weitere Geschichte spielte sich dann am Main ab.

Das Institut sollte als Spezialkreditinstitut den Arbeitnehmern die Anlage der damals neu eingeführten vermögenswirksamen Leistungen ermöglichen.

Das Gründungskonzept: Demokratisches Banking von unten

Die BSV startete als Bank für die Vermögensbildung der Bauarbeiter. Das Geschäftsmodell war für die damalige Zeit in mehrfacher Hinsicht neuartig:

  • Kein Filialnetz: Erreichbar ausschließlich postalisch oder per Telefon – die BSV war damit die erste Direktbank Deutschlands überhaupt.
  • Mitgliederbonus: Jedem Gewerkschaftsmitglied, das ein Konto eröffnete, schenkte die IG Bau fünf DM als Startguthaben.
  • Demokratische Governance: Der Aufsichtsrat sollte sich in der Mehrheit aus langfristigen Sparern zusammensetzen – mit dem ausdrücklichen Mitspracherecht, wo das Kapital der Bank angelegt wird.

Die Planungen waren ehrgeizig: Von den 1,5 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern sollten 400.000 zu Bankkunden werden; nach zehn Jahren wollte man 1,5 Milliarden DM an Einlagen gesammelt haben. Ein zeitgenössischer Bericht unter dem Titel „Eine neue Bank“ würdigte Georg Lebers Initiative als visionäre Entscheidung.

Erweiterung des Geschäftsmodells

Das Produktspektrum wurde schrittweise ausgebaut:

  • 1969: Erweiterung um Baudarlehen
  • 1975: Aufnahme von Ratenkrediten

Krise, Umbenennung und Übernahme

Als die BSV in den 1990er Jahren Verluste schrieb, entschloss sich die BGAG (Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften AG) zum Verkauf. Die Käufersuche zog sich über mehrere Jahre hin. Die Bank wurde zunächst in Allgemeine Deutsche Direktbank umbenannt; im Marketing etablierte sich die Kurzform DiBa.

Den Wendepunkt brachte der niederländische ING-Konzern: Zunächst über eine substanzielle Beteiligung eingestiegen, übernahm ING die DiBa schließlich vollständig – die heutige ING ist die größte Direktbank Deutschlands.

Eine Keimzelle, die weiterlebt

Was 1965 als gewerkschaftliches Sozialexperiment begann – mit einem Vorgängerinstitut aus Hagen –, ist zu einem der bedeutendsten Direktbankinstitute Europas geworden. Von der ursprünglichen Idee einer demokratisch kontrollierten Arbeitnehmerbank ist dabei kaum etwas übrig geblieben. Die institutionelle Kontinuität von der Kreditbank Hagen GmbH bis zur heutigen ING bleibt gleichwohl eine bemerkenswerte Geschichte.

Von Rolevinck

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