Erich Gutenberg – Begründer der modernen Betriebswirtschaftslehre

Von Ralf Keuper

Mit seinem dreibändigen Hauptwerk Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre begründete Erich Gutenberg, der 1894 in Herford geboren wurde, die moderne Betriebswirtschaftslehre in Deutschland. Dazu heisst es bei Vera Linß in Die wichtigsten Wirtschaftsdenker:

Darin entwickelte Gutenberg ein neues System der Betriebswirtschaftslehre. Er betrachtete den Betrieb als einen einheitlichen Organismus – in der Gesamtheit der Funktionsbereiche Produktion, Absatz und Finanzen, in denen die maßgeblichen unternehmerischen Dispositionen zu treffen sind. Entscheidend ist dabei die Produktivitätsbezeichnung zwischen Input und Output des Unternehmens.

Gutenberg betrieb seine Forschungen bereits zu einem Zeitpunkt interdisziplinär, als dieser Begriff bzw. Arbeitsmodus noch weitgehend unbekannt war:

In seinem Werk verfolgte Gutenberg einen interdisziplinären Ansatz: Er berücksichtigt Erkenntnisse der Arbeitspsychologie, Gruppen-und Organisationssoziologie sowie der Ingenieur- und Rechtswissenschaften. Ein weiteres Merkmal ist die Formalität des Gutenbergschen Ansatzes. Sie drückt die Produktivitätsbeziehung in einer “Produktionsfunktion” und in einer Nachfragefunktion, der “Gutenberg-Nachfragefunktion” aus. Sein Ausgangspunkt der Modellierung war das analytische Instrumentarium der mikroökonomischen Theorie – soweit es nicht im Widerspruch zur erlebten betrieblichen Realität steht. Diese Vorgehensweise führte nach Erscheinen des Buches zu Kontroversen, während sie heute als wesentlicher Teil der Betriebswirtschaftslehre anerkannt ist.

Gutenberg gestand dem Marketing eine wichtige, erfolgskritische Bedeutung zu:

Indem er erkannte, dass ein Unternehmer die “Unvollkommenheiten” des Marktes besondere Vorlieben von Konsumenten oder auch unterschiedliche Rechtsvorschriften und Steuersysteme – zu seinem Vorteil beeinflussen kann, wurde Gutenberg zum Schöpfer des modernen Marketing.

Im Gegensatz zu Karl Marx, der einen unversöhnlichen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital postulierte, war für Gutenberg ein partnerschaftliches Verhältnis Grundvoraussetzung für den gemeinsamen Erfolg von Unternehmern und Arbeitnehmern:

Er war der Ansicht, dass das Ergebnis menschlicher Arbeit im Betrieb von Bedingungen abhängt, die der Arbeitgeber, der Mitarbeiter selbst und beide zusammen beeinflussen können. Je besser diese Zusammenarbeit funktioniere, desto ertragreicher sei die gemeinsame Arbeit. In dieser Art von Partnerschaft hätten alle Beteiligten das gemeinsame Ziel, den Wert des Unternehmens für die Gesellschaft nachhaltig zu steigern.

Kritik an Gutenbergs Modell kommt u.a. von den Vertretern der Systemtheorie, wie Dirk Baecker in Organisation und Störung: Generell bemängelt Baecker, dass die Betriebswirtschaftslehre nach Gutenberg die soziale Dynamik einer Organisation, ihren Kontext ausgeblendet:

Erich Gutenbergs Entwurf der Betriebswirtschaftslehre hatte den Manager noch darauf hinweisen können, dass Effizienz und Effektivität nur um den Preis des Ausklammerns der Komplexität jener Organisation zu haben ist, die der Manager mit seiner Planung, Gestaltung und Kontrolle ihrer Ziele, Mittel und Abläufe beglückt. Hatte dieser Entwurf den Manager daher noch darüber informieren können, dass der Betrieb, den er bewirtschaftet, als Organisation möglicherweise andere und gute Gründe auf seiner Seite hat, von denen sich der Manager keine Vorstellung macht, so hat die Betriebswirtschaftslehre nach Gutenberg diese Reserve über Bord geworfen, jede Erinnerung an die Theoriefigur der Ausklammerung gestrichen und damit begonnen, ihre eigenen Ideen mit der anzustrebenden Praxis des Managements in eins zu setzen. Seither sind es nur der Blick über den Tellerrand der betriebswirtschaftlichen Ausbildung, der Praxisschock und die Bedingungen seines Wettbewerbs auf dem Markt der Stellen, die dem Manager zur Seite springen, um ihm Distanz gegenüber den Distanzlosigkeiten der Betriebswirtschaftslehre zu verschaffen. Das aber liefert ihn erst recht der Praxis aus; und erst das ist es, was dem kritischen Beobachter Sorgen macht.

In ihrem Beitrag Ein Mann “ganz ohne Gleißen und Prahlen” im Westfalen Blatt vom 14./15. Februar 1998 schrieb Dr. Ursula Brinkmann über das geistige Klima in Gutenbergs Elternhaus:

Die Familie war recht wohlhabend und gehörte zu den angesehenen Fabrikanten-Familien in Herford. Gustav Gutenberg, der Vater, stammte aus Zörbig, etwa 20 km nordöstlich von Halle. Hier waren die Gutenbergs seit Generationen als Handwerker ansässig, und Gustav Gutenberg wurde wie sein Vater Schmied. … Dieser nüchterne Tatmensch war mit einer Frau verheiratet, die den Kindern die Wärme gab, den Mittelpunkt der Familie und des Hauses bildete. Von seiner Mutter Anna, geb. Münter, erbte Erich Gutenberg die warmherzige Ausstrahlung und die Sensibilität, aber auch die Verletzbarkeit. Annal Gutenberg stammte aus einer alten, weitverzweigten Herforder Familie, den Münters. Zwischen den Kindern beider Familien bestand ein enges Verhältnis. Vor allem Erich Gutenberg fühlte sich von der künstlerischen Atmosphäre, der Liberalität und der geistigen Aufgeschlossenheit des Hauses Münter angezogen. Sein Onkel, der bekannte Architekt Paul Münter, war dem Jugendstil verbunden, von seinen vier Töchtern waren zwei – die Zwillinge Elfriede und Paula – künstlerisch tätig., die eine als Kunstgewerblerin, die andere als Bildhauerin. Zwischen Paul Münter un den Zwillingen bestand auch die Geistesverwandschaft und entfernte Blutsverwandschaft zu Gabriele Münter und damit zur Künstlervereinigung des Blauen Reiters.

Aus dem eigenen Elternhaus -vor allem vom Vater – kamen die vitalen Impulse, im Haus des Onkels begegnete Erich Gutenberg der Kunst und der Humanitas. Von dieser Seite kamen auch die künstlerischen Neigungen Erich Gutenbergs, seine Freundschaften mit Georg Meistermann, Ernst Wilhelm Nay, das Interesse für Schmidt-Rottluff, und nach seiner Emeritierung hat er dann selber zu Pinsel und Farbe gegriffen und gemalt.

In Herford erinnert u.a. das Erich-Gutenberg-Haus, wo auch die Erich-Gutenberg-Gesellschaft residiert, an den großen Sohn der Stadt.

 

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