“Genossenschaften haben Wirkungen, die weit über das Wirtschaftliche hinaus gehen” – Interview mit Prof. Dr. Theresia Theurl (Institut für Genossenschaftswesen an der Uni Münster)

Prof. Dr. Theresia Theurl. Foto: IfG Münster

Als Netzwerkorganisationen können Genossenschaften rasch auf gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen reagieren. Aktuelle Beispiele sind Breitbandausbau-genossenschaften und Solarenergiegenossenschaften. Woraus bezieht das Genossenschaftswesen seine Fähigkeit zur Erneuerung, welche Rolle spielen Genossenschaften in Westfalen; gibt es Parallelen zur Westfälischen Hanse, die sich wiederbeleben lassen? Auf diese und weitere Fragen antwortet Prof. Dr. Theresia Theurl (Foto), Dekanin der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, im Gespräch mit Westfalenlob.  

  • Frau Prof. Dr. Theurl, neben Ihrer Funktion als Dekanin der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Münster leiten Sie das Institut für Genossenschaftswesen. Womit beschäftigen Sie sich in Ihren Forschungen, was macht das Thema Genossenschaftswesen so interessant?

Das Thema „Genossenschaftswesen“ ist aus mehreren Gründen sehr interessant. So handelt es sich bei Genossenschaften um die Pioniere der Kooperation, einem Geschäftsmodell, das heute in Wirtschaft und Gesellschaft sehr verbreitet ist, freilich unter anderen Bezeichnungen: Netzwerke, Cluster, Allianzen, Partnerschaften etc. Die organisatorische Innovation stammt aber von Menschen wir Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch sowie deren Vorgänger und Zeitgenossen. Dazu kommt, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so sind, dass auch Genossenschaften heute sehr gut in die Zeit passen. Dies zeigt sich daran, dass neue Genossenschaften in expandierenden Wirtschaftsbereichen und in wichtigen Gesellschaftsbereichen gegründet werden. Zusätzlich ist heute das theoretische und methodische Instrumentarium vorhanden, um Genossenschaften auf der Grundlage des Wissensstandes der Ökonomie adäquat analysieren zu können. Schließlich ist es erfreulich, dass es gerade junge Menschen sind, die großes Interesse an Genossenschaften zeigen. Aktuelle Forschungsprojekte am Institut für Genossenschaftswesen Münster sind z.B. wie Werte für die Mitglieder von Genossenschaften – ein MemberValue – geschaffen werden kann, was die Digitalisierung für Genossenschaften bedeutet, welche Herausforderungen für die genossenschaftliche FinanzGruppe bestehen, welche Perspektiven Energiegenossenschaften haben, welche gesellschaftliche Bedeutung Wohnungsgenossenschaften aufweisen und ob Genossenschaften die Sharing Economy gerechter machen können. Dies sind nur einige Beispiele.

  • Wie in anderen Regionen Deutschlands auch, sind Genossenschaften in Westfalen stark vertreten. Können Sie einige markante Beispiele nennen?

Zu nennen sind zahlreiche Genossenschaftsbanken, u.a. Volksbanken, Raiffeisenbanken, Kirchenbanken, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank, die PSD Bank Westfalen-Lippe, Sparda-Banken. Dazu kommen Wohnungsgenossenschaften in unterschiedlichen Größen und Lagen. Landwirtschaftliche und ländliche Genossenschaften sind tätig, z.B. Raiffeisenmärkte und Einkaufsgenossenschaften oder Maschineneringe. Zahlreiche gewerbliche Genossenschaften sind ebenso zu nennen. Sehr bekannt ist z.B. die Noweda Apothekergenossenschaft eG (NOWEDA). Auch viele Genossenschaften des Handels und anderer genossenschaftlicher Verbundgruppen sind in Westfalen tätig. Man denke etwa an EDEKA und REWE. Manche ehemalige Genossenschaften sind heute in einer anderen Rechtsform tätig, gehören aber immer noch eng zur genossenschaftlichen Ökonomie. Wieder andere Genossenschaften haben fusioniert und sind mit dem Hauptsitz nicht mehr in Westfalen ansässig oder sie haben ihr Geschäftsgebiet bundesweit ausgeweitet wie z.B. die Fiducia & GAD IT, ein wichtiger Partner in der genossenschaftlichen FinanzGruppe. In Westfalen sind in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Energiegenossenschaften gegründet worden. Größere Aufmerksamkeit erlangt hat die Gründung von zwei Breitbandgenossenschaften zum Ausbau der Breitband-Infrastruktur. Firmen und Privatpersonen sind die Eigentümer der Breitbandgenossenschaft Hagen e.G. Die „Breitband OWL eG“ wurde von Kreisen und Kommunen gegründet. Hervorzuheben sind auch Familiengenossenschaften, Straßenverkehrsgenossenschaften, Handwerkergenossenschaften. Viele weitere Genossenschaften und genossenschaftlich organisierte Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche können genannt werden.     

  • Wie sind die Genossenschaften in Westfalen organisiert?

In Genossenschaften arbeiten Menschen oder Personen zusammen, um bessere Ergebnisse zu erreichen als alleine und um größere Projekte stemmen zu können. Diese Kooperation setzt sich fort, indem Genossenschaften sozusagen auf einer weiteren Ebene miteinander kooperieren und gemeinsam und in spezialisierten Unternehmen und Organisationen Leistungen organisieren, die sie alle benötigen. Auf diese Weise entstehen genossenschaftliche Wertschöpfungsnetzwerke, in denen sozusagen Genossenschaften mit ihren „Töchtern“ zusammenabreiten. In der genossenschaftlichen FinanzGruppe sind dies z.B. die Genossenschaftsbanken mit der DZ BANK als Zentralbank und vielen Produkt- und Prozessspezialisten. Zusätzlich sind Genossenschaften in Verbänden organisiert. Auch diese sind Teil der genossenschaftlichen Netzwerke und erbringen Leistungen für die einzelnen Genossenschaften, so z.B. in der betriebswirtschaftlichen und steuerlichen Beratung, aber auch in der Wirtschaftsprüfung und der Interessenvertretung. Die Genossenschaftsverbände sind einerseits inhaltlich (nach Leistungen und/oder Sparten) und andererseits regional organisiert. Die regionale Komponente ist dabei sehr wichtig, weil sie es den Genossenschaften ermöglicht, verwurzelt und klein zu bleiben. Im Laufe der Geschichte sind genossenschaftliche Zentralunternehmen und Verbände zunehmend verschmolzen worden, um bei sich ändernden Rahmenbedingungen die notwendige Wirtschaftskraft und Größe zu erreichen, ohne dabei aber ihre regionale Dimension und Ausrichtung zu verlieren, was auch durch die Vertreter in den Gremien sichergestellt werden soll. Alle diese Strukturmerkmale und Entwicklungen gelten auch für die Genossenschaften in Westfalen. Ihre Interessen werden z.B. im Genossenschaftsverband. Verband der Regionen (Genossenschaftsbanken, landwirtschaftliche Genossenschaften, gewerbliche Genossenschaften, Energiegenossenschaften, Versorgungsgenossenschaften) oder im Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen e.V. (VdW Rheinland Westfalen) gebündelt. Neben den Regionalverbänden sind Bundesverbände tätig, die auch auf der Ebene der Europäischen Union gemeinsame Interessen von Genossenschaften vertreten.           

  • Genossenschaften werden häufig mit dem ländlichen Raum assoziiert – trifft das noch zu?

Genossenschaften sind für den ländlichen Raum heute sehr wichtig. Dies galt bereits seit ihrer „Erfindung“ und hängt auch mit dem ländlichen Aktivitätsschwerpunkt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zusammen, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Doch Genossenschaften sind in allen Wirtschaftsräumen tätig und tragen ebenso zur Wertschöpfung in urbanen Gebieten bei. Zu denken ist an Wohnungsgenossenschaften, an Genossenschaften von Freiberuflern, um größere Projekte akquirieren zu können, an gewerbliche Genossenschaften, an die Genossenschaften des Handels und natürlich an die Genossenschaftsbanken. Betrachtet man Genossenschaften als Organisationen, die gerade dann gegründet werden, wenn besondere Defizite auftreten, tritt aktuell tatsächlich – aber nicht nur – der ländliche Raum in den Blickwinkel. Hier stellen Genossenschaften eine Reaktion auf den Verlust von Infrastruktur, Nahversorgung und vielen Dienstleistungen dar. Dieser führt zu weitreichenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen, zu einer Entwertung von Wirtschafts- und Lebensräumen. Gelingt es diesen Teufelskreis durch eine innovative Organisation von Leistungen zu  durchbrechen, bieten sich neue Perspektiven für die Menschen und die Standorte im ländlichen Raum. Diese innovativen Leistungen können Genossenschaften erbringen. Es ist vor allem die Digitalisierung und viele mit ihr verbundenen Entwicklungen, die ihnen dies ermöglichen und die für sie neue Ansatzpunkte bieten. Zu denken ist auch daran, dass ein zunehmender Teil der Arbeitsleistungen zukünftig nicht mehr am Sitz des Unternehmens erbracht werden wird, sondern zu Hause. Dies setzt aber Zugang zu manchen Infrastrukturen voraus, z.B. zu einem „schnellen Internet“. Die Betonung eines ländlichen Aktivitätsschwerpunktes sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zahlreiche andere Gründungskontexte große Bedeutung haben.

  • Die Digitalisierung, d.h. die zunehmende Vernetzung zusammen mit der wachsenden Mobilität, droht die Dörfer und kleineren ebenso wie die mittleren Städte hinter sich zu lassen. Wie können Genossenschaften dem entgegenwirken?

Dieser Zugang ist ein sehr defensiver. Die genannten Entwicklungen zeigen gerade, dass Selbsthilfe in Kooperation notwendig ist, um nicht „abgehängt“ zu werden. Genossenschaftliche Aktivitäten sind aber nicht nur notwendig, sondern Genossenschaften haben in einem langen Zeitraum auch bewiesen, dass sie geradezu die Spezialisten für die Lösung solcher Probleme sind. Genossenschaften sind immer dann besonders stark und wichtig, wenn es zu großen gesellschaftlichen und/oder wirtschaftlichen Veränderungen kommt. In einer solchen Zeit sind sie entstanden und zwar als Reaktion auf ausweglose Situationen für Menschen ohne Perspektive. Dass man heute von disruptiven Entwicklungen spricht, die neue Ansätze nahelegen, ändert nichts an der Struktur des Problems. Je größer Organisationen werden, je weiter die Digitalisierung fortschreitet und je weniger wichtig Grenzen werden, umso größer wird die Bedeutung lokaler Aktivitäten, regionaler Wirtschaftskreisläufe, die Verwurzelung von Menschen und Unternehmen und Kooperationen aller Art. Die Genossenschaften sind die Kooperationspioniere. Heute hilft gerade die Digitalisierung genossenschaftlichen Netzwerken ihre Kooperation effizienter zu organisieren und sich mit anderen Genossenschaften und Unternehmen weiter zu vernetzen. Zusätzlich sind sie geeignet – mit oder ohne kommunale Mitwirkung – die notwendigen Infrastrukturen zu stärken oder zu schaffen. Man denke an die Breitbandausbaugenossenschaften, die Ärzte- und Pflegegenossenschaften, die Versorgungsgenossenschaften, die Wohnungsgenossenschaften und an viele andere mehr.     

  • Die westfälische Hanse könnte man als einen Vorläufer des Genossenschaftswesens bezeichnen – wie könnten sich die Ansätze gegenseitig befruchten oder liegen sie zu weit auseinander?

Die westfälische Hanse mit ihrer langen Geschichte, aber auch andere Formen des Zusammenwirkens von Unternehmen und Menschen, die sich bereits im Mittelalter herausgebildet haben, können tatsächlich als Vorläufer von Genossenschaften eingeschätzt werden. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur, dass sie erkannt haben, dass man zusammen mehr erreichen kann als alleine, sondern dass sie sich für ihr Zusammenwirken Regeln gegeben haben und auch dafür gesorgt haben, dass sie eingehalten werden. Es ging also immer um Rechte und Pflichten. Hervorzuheben ist weiters, dass eine langfristige Orientierung und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Handlungen im Vordergrund standen. Die Parallelen mit Genossenschaften, die Ähnlichkeit der Governancestrukturen liegen auf der Hand. Dies zeigt sich auch an der gesellschaftlichen Bedeutung der Hanse, die weit über das Merkantile hinausging. Auch Genossenschaften haben Wirkungen, die weit über das Wirtschaftliche hinausgehen und manche werden auch gegründet, um wichtige gesellschaftliche oder kulturelle Projekte verwirklichen zu können. Die Ansätze sind sich sehr nah. In allen westfälischen Hansestädten und ihrem Umland sind viele Genossenschaften tätig. Allein die Sensibilisierung für die Parallelen wäre bereits wertvoll. Auf dieser Grundlage lassen sich gemeinsame Projekte entwickeln, die sowohl der westfälischen Hanse als auch der genossenschaftlichen Ökonomie helfen können, ihre Ziele und ihre Mission zu erfüllen. Ein Brainstorming, an dem vor allem auch junge Menschen mitwirken, z.B. anlässlich eines Hansetages, halte ich für vielversprechend.            

  • Frau Prof. Dr. Theurl, vielen Dank für das Gespräch!
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