Nie ist mir ein Turm so überwältigend groß erschienen wie der des Domes von Paderborn (Ricarda Huch)

Nie ist mir ein Turm so überwältigend groß erschienen wie der des Domes von Paderborn; es raubt den Atem, an ihm hinaufzusehen. Man denkt an die Eichenurwälder, die einst an seiner Stelle rauschten, an die heiligen Bäume, in deren Zweigen der Westfale die Stimme seiner Götter vernahm, an die Mächtigen, die sie fällten und statt ihrer im Dienste des Gottes der Götter Riesenbäume aus Stein errichteten. Es sind nicht mehr die alten Steine; nicht einmal von dem, was der große Erbauer-Bischof Meinwerk schuf, ist viel übriggeblieben; dennoch ist denen, die die ersten Kirchen und Paläste anlegten, das Bedeutende zu verdanken, das man heute sieht, da sie die großen Linien zogen, die sich durch Jahrhunderte erhalten haben. Zerstörte auch das Feuer wieder und wieder die unermüdlich neuerstellten Werke, es blieb doch ein Gemäuer, ein Grundriss, ein Grundgedanke, der in die Erde hineinwuchs und trotz aller Baumeister mit baute. Paderborn war lange ein verkümmertes und ist noch jetzt ein verschlafenes Städtchen; aber nichts und niemand kann ihm den heroischen Umriss nehmen, den erhabenen Menschensinn, der sich hineinergoß, und dass es Geruch von Urwald, Sumpf und Heide ausatmet, die es einst verschlang.  .. Wieviel träumerische Versunkenheit aber brütet über den Quellen, den alten Mauern, in den engen Gassen, die zur Domfreiheit führen! Neben der Idee des allumfassenden heiligen Reiches, die sich hier Denkmale setzte, weht noch der Geist der schweigsamen Wilden, die als Herren auf ihren Höfen saßen, die ihre Götter im Sturm und im Rauschen hundertjähriger Bäume ehrten und ihr blondes Haupt nur dem selbstgewählten Herzog beugten.

Quelle: Im alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte

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