Soest – die kraftvolle und selbstbewusste Stadt (Ricarda Huch)

Etwa um 1300 hatte die Stadt der Engern, wie man sie nannte, bereits einen außerordentlichen Wohlstand und eine hohe kulturelle Blüte erreicht. Die Straßen waren früher als z.B. in Augsburg gepflastert, es gab Ärzte deren einer schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts ein stattliches Haus in der Nähe des Münsters besaß, es gab eine Apotheke, die Malerei wurde gepflegt, und die Kirchen wurden geschmückt. Im Vergleich zu Münster ist Soest allerdings eine schlichte Stadt, aber darum keine kunstlose. Die öffentlichen Gebäude, Kirchen und Rathaus, wirken durch Masse und großartige Formen imposant; der Turm des Münsters, mit seiner reichen, durch Ecktürmchen gezierten Helmpyramide ist von herrschender Gewalt. Von der abseits gelegenen Kirche Maria in der Wiese wurde im Mittelalter nur der Unterbau der Türme vollendet; das Paar, das wir heute sehen, hat nicht die sichere Hand eines alten Baumeisters, sondern die neuere Zeit ergänzt. In einigen Kirchen sind altromanische feierliche Wandgemälde aufgedeckt worden, in der Wiesenkirche fesseln wundervolle Glasgemälde. Besonders schön ist dasjenige, welche den Stammbaum Christi aus der Wurzel Jesse darstellt, einer schlanken, goldgelbenen Pflanze vergleichbar, die im braunen Mantel der Maria wie in einer kostbar glühenden Frucht gipfelt. Der Eindruck der Stadt im ganzen ist licht: weiss sind die meisten der dunkelumrandeten, mit roten Ziegeln bedachten Fachwerkhäuser, grünlich schimmert der Sandstein, aus dem die Steinbauten, namentlich die Kirchen, errichtet sind. Der überall sichtbare Turm des Münsters ist mit Blei bedeckt.

Die kraftvolle und selbstbewusste Stadt, die ein weites, fruchtbares Gebiet mit vielen Dörfern, die sie rings umgebende Börde, unumschränkt beherrscht, trat kaum doch jemals nach außen oder innen so gebieterisch und herausfordernd hervor, wie das andere wohl taten, und das mag mit ihrem bäuerlich-demokratischen Charakter zusammenhängen. In Soest waren die Zünfte, wenigstens die vornehmen, nicht vom Rat ausgeschlossen, und der Rat, der sich lange Zeit nicht selbst ergänzte, hing mehr als anderswo mit Bürgerschaft und Gemeinheit zusammen.

Quelle: Im alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte

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