Claas und sein Russland-Geschäft: In der Falle

Von Ralf Keuper

Das im Jahr 2005 in Krasnodar in Betrieb genommene Werk von Claas hat sich über die Jahre prächtig entwickelt. Im Jahr 2015 wurde das Werk für 120 Millionen Euro ausgebaut. Es zählt heute zu den modernsten Produktionsstandorten der Claas-Gruppe. Mehr als 1.000 Tucano-Mähdrescher verlassen pro Jahr das Werk. Produziert wird fast ausschließlich für den russischen und kasachischen Markt. In den Jahren 2020 und 2021 wurde die Produktionsfläche um 5.000 qm auf 16.000 qm erweitert. Beschäftigt werden aktuell ca. 800 Mitarbeiter[1]Claas erweitert Werk in Krasnodar[2]Deutsch-Russische Auslandshandelskammer: Erfolgsgeschichte: CLAAS.

Vor wenigen Monaten vermeldete Claas für das Geschäftsjahr 2020/2021 einen Umsatzzuwachs von 20 Prozent auf fast 5 Mrd. Euro[3]Claas meldet Umsatzrekord und Gewinnsprung. Dann kam die Invasion Russlands in die Ukraine. Seitdem haben sich die Bedingungen für deutsche Unternehmen, die in Russland aktiv sind, deutlich verändert. Viele haben bereits den Rückzug aus Russland angetreten.

Claas hatte zunächst die Produktion in Krasnodar fortgeführt, sie dann jedoch, aufgrund von Lieferengpässen, gestoppt[4]Claas aus Harsewinkel setzt Produktion in Russland aus. Da bleibt eigentlich nur noch, so ein Kommentar in der FAZ, das Prinzip Hoffnung:”… wenn Putin ein Paria der internationalen Politik bleibt, dürfte es heikel werden, als deutsches Unternehmen von Russland aus den russischen Markt zu bedienen – und von Harsewinkel aus den Rest der Welt. Was, wenn neue Sanktionen kommen? Unternehmen wie Claas leben derzeit notgedrungen auch vom Prinzip Hoffnung[5]Prinzip Hoffnung. Im schlimmsten Fall droht die Verstaatlichung[6]Russland könnte westliche Unternehmen verstaatlichen. Daran würde auch die Auszeichnung als “Vaterländischer Hersteller”, für die Claas sich so eingesetzt hatte, kaum etwas ändern – eher im Gegenteil.

Dabei sah alles so vielversprechend aus. So ließ der Generaldirektor von Claas in Krasnodar, Ralf Bendisch, in einem Interview aus dem Jahr 2017 nicht ohne Stolz wissen, dass Claas das erste Unternehmen war, mit dem ein spezieller Investitionsvertrag abgeschlossen wurde. “Dieser Vertrag wurde 2016 im Rahmen des St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums mit der russischen Regierung, vertreten durch den Minister für Industrie, unterschrieben. Dadurch bekommen die in Russland hergestellten Produkte (Mähdrescher) offiziell den Status „vaterländische Produkte“ und der Erwerb von Mähdreschern wird nun durch finanzielle Unterstützung der Regierung subventioniert”[7]CLAAS: „Wir sind nach Russland gekommen, um zu bleiben“.

Als im Jahr 2015 eine Absichtserklärung unterzeichnet wurde, die Claas später den Status als “vaterländischer Hersteller” einbringen sollte[8]Claas bekräftigt Engagement in Russland, war man bei Claas euphorisch. Der damalige Chef von Claas, Lothar Kriszun, wurde mit den Worten zitiert: “Wir freuen uns über die Anerkennung unseres jahrzehntelangen Engagements in Russland[9]Die Ostwestfalen geben sich russisch[10]Wie aus dem Beitrag Deutsche Traktoren für russische Weiten aus dem Jahr 2015 hervorgeht, war man sich bei Claas damals der Risiken vollauf bewusst. Die Vorsitzende des Claas-Beirats und … Continue reading[11]Vgl. dazu: Deutscher Mähdrescher-Hersteller: “In Russland wollen wir die wirtschaftliche Erfolgstory fortschreiben”. Der Vorteil dieser Anerkennung hatte handfeste ökonomische Vorteile, da der russische Staat Bauern beim Kauf von Mähdreschern und Traktoren mit einem Zuschuss von 25 Prozent des Kaufpreises unterstützt – wenn die entsprechenden Maschinen von einem russischen Hersteller stammen[12]Weshalb die Region um Krasnodar eine strategische Bedeutung erlangt hat, zeigt der arte-Film Weizen: Instrument der Macht | Mit offenen Karten | ARTE.

Unterdessen lässt Claas verlauten, dass man die verbleibenden Möglichkeiten nutzen wolle, um den russischen Landwirten, mit Blick auf die kommende Ernte, Landmaschinen und wichtige Ersatzteile zur Verfügung stellen zu können[13]Diese Firmenlenker bringt der Ukraine-Krieg ins Dilemma.

Update (02.04.22): 

Sollte das Szenario eintreten, das der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler in einem Interview mit den tagesthemen entwirft, dann wird Claas sein Russland-Geschäft – zumindest in weiten Teilen – abschreiben müssen[14]In seinem Kommentar von 12.04.22 legt auch Bernd Ziesemer den deutschen Unternehmen, die noch in Russland aktiv sind, nahe, ihr Geschäft abzuschreiben.

Hinzu kommt, dass, wenn Russland den Zugriff auf die ukrainischen Weizenfelder erlangt, seine geopolitische Position gestärkt wird. Wenn also Claas argumentiert, mit seinen Landmaschinen dazu beizutragen, dass die russische Landwirtschaft effizienter wird, dann wird dadurch die Verhandlungsposition Russlands gestärkt[15]Vgl. dazu: Weizen: Instrument der Macht | Mit offenen Karten | ARTE.

Update (24.04.22)

In Deutsche Unternehmen in Russland: Warum sich Henkel und SAP plötzlich doch zurückziehen argumentiert der Autor, dass, sollte Claas sein Werk in Krasnodar schließen, dies ernste Konsequenzen für die weltweite Versorgungslage mit Weizen hätte, wobei er den Wirtschaftswissenschaftler Karsten Kilian von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt zitiert: „Wenn sich internationale Landmaschinen- und Düngemittelhersteller aus Russland zurückziehen, kann das dazu führen, dass im Herbst die Ernten in Russland geringer ausfallen.“ Dass der Rückzug von Claas aus Russland mit negativen Konsequenzen für die Ernte in Russland verbunden wäre, dürfte unstrittig sein. Im vorliegenden Fall ist diese Feststellung jedoch relativ sinnfrei. Mit mindestens ebenso großer Berechtigung könnte man argumentieren, dass, da große Teile der Weizenernte (auch der russischen) für die Fütterung in der Massentierhaltung verwendet werden, dies einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Klimakrise leistet, was wiederum zu neuen Flüchtlingsströmen führen kann, sofern man hier einen Zusammenhang erkennen will[16]Rettung vor der Weizenkrise?.

Informativ ist die arte Doku: Getreidepreis auf Rekordniveau – Warum eine globale Hungerkrise droht | ARTE

Richtig ist allerdings, dass ein Rückzug aus dem Russlandgeschäft wohl an die wirtschaftliche Substanz von Claas gehen würde. Zu den Abschreibungen auf die Investitionen in das Werk, das Personal und die Infrastruktur kommen noch die Umsatzverluste in Höhe von ca. 1.000 Maschinen pro Jahr (zuzüglich der Ersatzteile). In der Summe dürften das 1 Mrd. Euro und mehr sein.

Was das betrifft, ist man bei Phoenix Contact schon weiter. Dort hat man den Rückzug aus Russland bereits beschlossen und den Verkauf des Russland-Geschäfts finalisiert. Der Ausdruck der Haltung und Werte des Familienunternehmens überrage in diesem Fall wirtschaftliche Aspekte, so der Chef von Phoenix Contact, Frank Stührenberg, in einem Gespräch mit dem WB. Stührenberg weiter: “Wir gehen von einer vollständigen Abschreibung aller Unternehmens- und Vermögenswerte in Russland aus”, in: Phoenix Contact stellt sich nach Umsatzrekord auf weitere Erlössprünge ein – Russland-Geschäft ist verkauft

Update (26.04.22)

Wie der WDR berichtet, überlegt man bei Claas, sich aus dem Russland-Geschäft zu verabschieden. “Die Entscheidung lasse sich aber jetzt nicht treffen“, wird ein Unternehmenssprecher zitiert[17]Einige große Unternehmen in OWL produzieren weiter in Russland[18]Ziemlich beste Freunde.

Man arbeitet anscheinend an einer Exit-Strategie, welche die Bilanz nicht völlig verhagelt.

Update (27.04.22)

Claas. Kein Bauernopfer

References

References
1 Claas erweitert Werk in Krasnodar
2 Deutsch-Russische Auslandshandelskammer: Erfolgsgeschichte: CLAAS
3 Claas meldet Umsatzrekord und Gewinnsprung
4 Claas aus Harsewinkel setzt Produktion in Russland aus
5 Prinzip Hoffnung
6 Russland könnte westliche Unternehmen verstaatlichen
7 CLAAS: „Wir sind nach Russland gekommen, um zu bleiben“
8 Claas bekräftigt Engagement in Russland
9 Die Ostwestfalen geben sich russisch
10 Wie aus dem Beitrag Deutsche Traktoren für russische Weiten aus dem Jahr 2015 hervorgeht, war man sich bei Claas damals der Risiken vollauf bewusst. Die Vorsitzende des Claas-Beirats und Gesellschafterausschusses Cathrina Claas-Mühlhauser wurde darin mit den Worten zitiert: “Die Landwirtschaft in Russland hat ausgezeichnete Zukunftsperspektiven, benötigt aber für die Umsetzung dringend mehr moderne Landtechnik“. Das HB schrieb: “Claas stellt sich mit seiner Expansion gegen den Trend, denn andere Industriekonzerne und Investoren ziehen sich aus Russland zurück. Der Preisverfall bei Rohöl, dem wichtigsten Exportgut Russlands, sowie die Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise haben das Land erstmals seit sechs Jahren in eine Rezession getrieben. … Während andere hauptsächlich die finanzielle Ungewissheit im Auge haben, wittert Claas eine Gelegenheit und will seine Position ausbauen. ..  “Das größte Potenzial für uns bieten Russland und die Ukraine, in der dieser Reihenfolge – und deshalb investieren wir dort trotz der politischen Schwierigkeiten“, sagte Konzernsprecher Lothar Kriszun. “Für uns hat Internationalisierung Priorität“.. Im Unterschied zu Claas, so das HB weiter, fahren Konzerne wie Volkswagen oder General Motors ihr Engagement in Russland zurück. Lothar Kriszun wird weiter zitiert: “Wer mutig genug ist, um im Land zu bleiben, wird von den Russen positiv beurteilt, denke ich. Russland ist nicht Putin. Es ist ein großes, wichtiges Land in Europa und wir denken, dass sich die Dinge normalisieren werden
11 Vgl. dazu: Deutscher Mähdrescher-Hersteller: “In Russland wollen wir die wirtschaftliche Erfolgstory fortschreiben”
12 Weshalb die Region um Krasnodar eine strategische Bedeutung erlangt hat, zeigt der arte-Film Weizen: Instrument der Macht | Mit offenen Karten | ARTE
13 Diese Firmenlenker bringt der Ukraine-Krieg ins Dilemma
14 In seinem Kommentar von 12.04.22 legt auch Bernd Ziesemer den deutschen Unternehmen, die noch in Russland aktiv sind, nahe, ihr Geschäft abzuschreiben
15 Vgl. dazu: Weizen: Instrument der Macht | Mit offenen Karten | ARTE
16 Rettung vor der Weizenkrise?
17 Einige große Unternehmen in OWL produzieren weiter in Russland
18 Ziemlich beste Freunde
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