Interview mit Bettina Bartz, Geschäftsstellenleiterin Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards (GS1 Germany)

Bettina Bartz (GS1 Germany)

Einheitliche Standards haben für die Wirtschaft, insbesondere für den Welthandel, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Hier zu einer gemeinsamen Sprache zu finden, ist die Aufgabe nationaler wie internationaler Standardisierungsorganisationen – wie GS1 Germany. Im Gespräch erläutert Bettina Bartz (Foto), Geschäftstellenleiterin Mittelstand im 4.0-Kompetenzzentrum eStandards, an mehreren Beispielen, warum Standards – auch über rein wirtschaftliche Aspekte hinaus – so wichtig sind und welche Ziele das Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum eStandards verfolgt. Vor zwei Wochen wurde die Offene Werkstatt Hagen offiziell eröffnet, worüber auf diesem Blog in Offene Werkstatt des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums eStandards in Hagen offiziell eröffnet berichtet wurde. 

  • Frau Bartz, was macht GS1 und welche Funktion üben Sie aus?

Ganz allgemein und zusammenfassend gesagt, steht GS1 für Standards als gemeinsame Sprache der Geschäftswelt. Global nutzen etwa 2 Millionen Unternehmen GS1 Standards, um ihre Geschäftsprozesse einfacher zu machen. Immer dann, wenn es darum geht, Produkte, Unternehmen oder Orte zu identifizieren, Daten – beispielsweise Rechnungen – zwischen Partnern austauschen oder komplexe Prozesse unternehmensübergreifend zu gestalten, kommen GS1 Standards ins Spiel. Die Standards werden heute in vielen verschiedenen Industrien und Branchen zur Optimierung von unternehmensübergreifenden Prozessen eingesetzt.

Ich selber bin seit 2006 bei GS1 Germany in unterschiedliche Aufgabenbereichen tätig. Unter anderem habe ich als Branchenmanagerin für das Gesundheitswesen national und international daran gearbeitet, mit Standards die Versorgungsprozesse von Patienten sicherer zu machen. Danach habe ich unseren neuen Geschäftsbereich, die GS1 Academy, mit aufgebaut. Seit 2017 leite ich nun das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards.

  • Warum sind Standards für die Wirtschaft und Gesellschaft so wichtig?

Solange jeder nur für sich selbst denkt, zum Beispiel eigene Artikelnummern vergibt oder Rechnungen im unternehmenseigenen Format versendet, entstehen für die Wirtschaft und am Ende der Kette auch für Verbraucher ungeheure Kosten.

Bleiben wir beim Beispiel Rechnung: Wenn ein Partner Rechnungen auf Papier versendet, der andere Partner aber eine elektronische Version braucht, müssen die Informationen vom Papier abgetippt werden. An beiden Enden sitzen Personen, die diese Daten eingeben müssen. Eingabefehler sind dabei keine Seltenheit und verursachen abgesehen von der reinen Bearbeitungszeit auch noch Folgekosten für Korrekturen, Storno, neue Rechnung. Mal ganz abgesehen vom Ressourcenverbrauch an Papier. Können die Systeme der beiden Partner elektronisch miteinander sprechen, sparen beide Zeit und Ressourcen und Fehlerquellen werden minimiert. In Pilotprojekten haben wir gezeigt, dass Sie mit standardisierten elektronischen Rechnungen bis zu 70 Prozent der Prozesskosten gegenüber Papierrechnungen sparen können. Wenn es die Wirtschaft schafft, die wesentlichen Geschäftsprozesse von der Bestellung bis zum Verkauf oder zur Retournierung elektronisch und standardisiert abzuwickeln, gewinnt die gesamte Wertschöpfungskette einschließlich des Verbrauchers.

Doch nicht nur kostenseitig profitiert die Gesellschaft. Standards helfen auch, unsere Gesundheit zu schützen: Weltweit ist geschätzt jedes zehnte Medikament gefälscht. Durch eine serialisierte, standardisierte Identifikation von Medikamenten wird Fälschern mehr und mehr das Handwerk gelegt. In Krankenhäusern verhindern die Identifikation und Scanning der Arzneimittel und Medizinprodukte, dass wir versehentlich das Medikament vom Zimmernachbarn oder ein falsches Implantat bekommen.

Standards sind also nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Sie schützen z.B. unsere Gesundheit, helfen bei der Verständigung, vereinfachen Prozesse und reduzieren Kosten.

  • Wie kommt ein Standard in die Welt, welche Phasen werden dabei durchlaufen, welche Hindernisse müssen überwunden werden?

Die Geburt eines neuen oder angepassten Standards möchte ich gerne anhand eines Beispiels aus der GS1 Germany Organisation erläutern. Die Vorgehensweise bei anderen Standardisierungsorganisationen ist sehr ähnlich.

GS1 Germany ist eine neutrale Not-for-Profit Organisation, die Standards entwickeln wir gemeinsam mit unseren Anwendern in themenspezifischen Gremien. Wir orientieren uns dabei an aktuellen Entwicklungen und Bedürfnissen, wie Internet of Things, Nachhaltigkeit oder neuen Technologien wie Blockchain. Generell kann jeder Akteur einen Arbeits- und Projektantrag zur Lösung eines relevanten Problems stellen. Eine Entscheidergruppe gibt einfache Anträge frei und zur Bearbeitung in eine permanente Fachgruppe. Für mittlere und komplexe Anträge kann sie auch die Bildung einer eigenen Projektgruppe initiieren. In den Fach- und Projektgruppen, die aus unterschiedlichen Unternehmensvertretern z.B. aus Handel und Industrie zusammengesetzt sind, werden gemeinsam Lösungen im engen Austausch mit internationalen Gremien entwickelt.

Ein Beispiel kann den Prozess besser verdeutlichen: Die Möglichkeit, heute überall und jederzeit online wie offline zu shoppen, erforderte eine Anpassung der Vergaberegeln für die globale Artikelnummer GTIN (Global Trade Item Number, früher EAN) – das ist die Nummer, die in Produktbarcodes verschlüsselt wird. Diese Nummer ermöglicht die eindeutige Identifikation des Artikeles. Wenn ein Hersteller ein relevantes Detail an einem Produkt variiert, dann möchte der Handel und der Konsument das wissen. Beispielsweise, wenn es ein Produkt mit und ohne Special zur Fußball-Weltmeisterschaft gibt. Deshalb muss ein Händler diese verschiedenen Variationen in jedem seiner Vertriebskanäle eindeutig und mit allen wichtigen Informationen darstellen. Und die Hersteller müssen dafür die Grundlage schaffen. Jedes Mal eine neue Artikelnummer zu vergeben, würde einen enormen Aufwand bedeuten.

Deshalb kam von der internationalen Anwender Community der Wunsch, unterschiedliche Variationen bei der GTIN-Vergabe zu berücksichtigen. GS1 Germany hat einen entsprechenden Arbeitsantrag gestellt. Nach Freigabe begann ein temporäres Expertenteam mit der aktiven Begleitung der globalen Entwicklungsarbeit. Weitere Gremien waren involviert. Die beteiligten Partner aus Handel und Industrie wurden unter anderem befragt, was ihnen bei der Überarbeitung wichtig ist und was die Regeln leisten müssen. Dieser nationale Beitrag hat die globalen GTIN-Vergaberegeln mitgeprägt. Das klingt sehr komplex. Von der Antragsstellung bis zur Veröffentlichung des Standards vergingen aber nur 25 Wochen.

  • Können Sie ein Beispiel für einen Standard geben, an dem GS1 maßgeblich mitgewirkt hat, und womit fast jeder täglich in Berührung kommt?

Den bekanntesten Standard von GS1 finden Sie heute auf jedem Artikel im Handel: der EAN-13-Barcode. 1974 wurde er erstmals auf einer Packung Kaugummi in den USA eingesetzt. Inzwischen macht es weltweit jeden Tag über 5 Milliarden mal Piep an Kassen. Was in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch ziemlich visionär war, kennt heute quasi jeder Mensch.

  • Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Standardisierungs-Organisationen, wie DIN oder ISO, aus?

Viele GS1 Standards basieren auf ISO-Standard und anders herum werden GS1 Standards auch in DIN-Normen angewendet. Wir stehen mit Standardisierungsorganisationen in ständigem Austausch und wirken in relevanten Gremien mit. Oft sind Standards einzelner Branchen spezifische Auslegungen von internationalen Standards. Beispiel: EANCOM ist ein Standard für den elektronischen Datenaustausch, der unter anderem für Rechnungen oder Bestellungen genutzt wird. EANCOM basiert aber wiederum auf einem Standard der Vereinten Nationen UN/EDIFACT. Daher müssen die Standardisierungsorganisationen Hand in Hand arbeiten.

  • Sie sind auch verantwortliche Leiterin des Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrums eStandards. Können Sie Ihre Rolle und die Ziele des Projekts kurz erläutern?

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards ist ein Teil der Förderinitiative Mittelstand-Digital. Damit unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium die Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen und im Handwerk. Wir informieren bundesweit kleine und mittlere Unternehmen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

Alle Dienstleistungen, die wir anbieten sind für die Unternehmen kostenfrei und anbieterneutral.

Konkret zeigen wir, wie das mithilfe von eStandards einfacher und schneller geht. Und das in unterschiedlichen Themen- und Branchenbereichen. Wir begleiten zahlreiche Pilotprojekte mit mittelständischen Unternehmen, bieten Themenveranstaltungen in den Erlebnisräumen und Testlabs unserer Offenen Werkstätten an.

Unsere Werkstätten laden zum Ausprobieren ein und liefern Informationen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkte:

  • Die Offene Werkstatt in Hagen widmet sich der Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe und Handwerk. Hier u.a. demonstriert, wie ein Objekt dreidimensional gescannt und dann auf einem 3D-Drucker eine originalgetreue Kopie hergestellt wird. Diese Methode der „additiven Fertigung“ wird in Zukunft bei der Herstellung individualisierter Produkte eine wichtige Rolle spielen.
  • Ab Herbst wird unsere mobile Werkstatt unterwegs sein um auch in ländlicheren Bereichen Unternehmen für das Thema zu begeistern.
  • Die Offene Werkstatt Leipzig entwickelt mit Unternehmen gemeinsam Ansätze, wie Standards strategisch eingesetzt werden können, um Geschäftsmodellinnovationen generieren und umzusetzen.
  • DieOffene Werkstatt Köln zeigt wie die Digitalisierung zwischen Industrie, Handel und Logistik erfolgreich mit Hilfe von Standards umgesetzt wird. Konkret werden in verschiedenen Erlebnisräumen digitale Wertschöpfungsnetze, die Grundprinzipien von Standards, Nachhaltigkeitsprinzipien oder die Zukunft des Einkaufens gezeigt. So können z.B. während einer Shoppingtour des digital vernetzten Käufers fließend Online und Offlinekanäle im Einsatz erlebt werden. Hierbei kommen moderne Technologien wie z.B. Avatare, Augmented Reality, intelligente Umkleidekabine und interaktive Schaufenster zum Einsatz.

Als Informationsplattform dient unsere Website https://www.kompetenzzentrum-estandards.digital/ mit vielen Hintergrundinformationen aus den Pilotprojekten, aktuellen Veranstaltungsterminen und Presseinformationen. Um aktuell informiert zu sein, bieten wir unseren Newsletter an, der über folgenden Link abonnierbar ist: https://www.kompetenzzentrum-estandards.digital/newsletter/

Das Kompetenzzentrum eStandards wird von fünf innovativen Unternehmen getragen, darunter zwei Fraunhofer Institute (IML und FIT), die Hagener Wirtschaftsförderung, das CSCP als Experte für Nachhaltigkeit und GS1 Germany.

Meine Aufgabe ist es, das Kompetenzzentrum eStandards zu leiten, insbesondere die Geschäftsstelle in Köln. Neben der Koordination unserer Partnerunternehmen, obliegt mir der Austausch mit der Förderinitiative und den 23 anderen Kompetenzzentren im Netzwerk von Mittelstand Digital.

  • Wie reagiert der Mittelstand auf Ihr Angebot?

Unser Kompetenzzentrum ist jetzt seit einem Jahr am Start. Wir mussten natürlich erstmal dafür sorgen, dass wir bekannter werden. Aber jetzt merken wir, dass mehr und mehr Unternehmen auf uns zukommen – oft schon mit konkreten Ideen für digitale Geschäftsmodelle.  Die Unternehmen, mit denen wir bis jetzt zusammengearbeitet haben, zeigen sich begeistert. Egal, ob sie digitale Technologien in den Offenen Werkstätten austesten können – wozu normalerweise nicht die Möglichkeit besteht, ob wir für Tages-Workshops in die Unternehmen fahren oder sie bei ganzen Projekten begleiten: Wir unterstützen ganz konkret und individuell. Das spricht sich natürlich rum. Darum sind unsere Experten derzeit viel unterwegs.

  • Frau Bartz, vielen Dank für das Gespräch!
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