Wer durch Ostwestfalen-Lippe fährt, sieht selten, was dort tatsächlich gebaut wird. Zwischen Teutoburger Wald und Ravensberger Land liegt eine Industrielandschaft, die sich nicht in Werkstoren mit großem Namenszug zeigt, sondern in unauffälligen Hallen am Stadtrand – die Wirtschaftszeitschrift brand eins hat die Region einmal treffend als „erfolgreich und still“ beschrieben. Ein Werksfilm aus dem Jahr 1963 gibt einen seltenen Blick hinter eine dieser Fassaden: Es beschreibt die Produktionsabläufe bei Droop & Rein, einem Bielefelder Werkzeugmaschinenhersteller, der zu seiner Zeit zu den bekannteren Namen in einer Stadt gehörte, in der auch Gildemeister und die Dürkopp-Werke ihren Sitz hatten. Konstruktionsbüro, hauseigene Gießerei, mechanische Bearbeitung, Elektrowerkstatt, Endmontage nach DIN-Schlesinger-Norm – ein vollständiger Fertigungsbetrieb, wie er für das Ostwestfalen jener Jahre typisch war. Im Zentrum steht das Kopiersystem Ecomil, ein geschlossener elektromechanischer Regelkreis, mit dem komplexe Konturen an Werkzeugmaschinenteilen nachgeformt wurden. Die Firma, die diesen Film drehen ließ, existiert heute nicht mehr – und doch ist ihr Name noch immer auf Maschinen zu lesen, die in Bielefeld gebaut werden. Diese Doppelung aus Verschwinden und Fortbestehen ist der eigentliche Befund.

Ein Produktionssystem von 1963

Der Herstellungsprozess, den der Film erläutert, folgt einer damals wie heute erkennbaren Logik des Werkzeugmaschinenbaus: Kundenwünsche werden im Konstruktionsbüro in Pläne übersetzt, Holzmodelle in der Modellschreinerei angefertigt, Gussstücke in der eigenen Gießerei gegossen und in der Putzerei nachbearbeitet. Große Maschinenbetten werden auf Hobel-, Fräs- und Schleifmaschinen bearbeitet, Getriebeteile gedreht und gehärtet. Parallel dazu entwickelt ein elektrotechnisches Büro die Schaltpläne für die Steuerungen, die in der hauseigenen Elektrowerkstatt verdrahtet werden. Jeder Schritt wird kontrolliert, die fertige Maschine durchläuft einen mehrtägigen Probelauf, bevor sie seemäßig für den Export verpackt wird.

Bemerkenswert an diesem Ablauf ist weniger seine Vollständigkeit – das war für einen vertikal integrierten Maschinenbauer der Nachkriegszeit nicht ungewöhnlich, auch nicht in Bielefeld, wo die Nähmaschinen- und Textilindustrie den örtlichen Maschinenbau seit dem 19. Jahrhundert groß gemacht hatte – als die Rolle der Kopiersteuerung Ecomil. Das Prinzip lässt sich am ehesten mit einem Blindenstock vergleichen, der über ein vorgegebenes Muster geführt wird: Eine Tastspitze fährt ein Modellstück ab, wie es der Kunde gewünscht hat, und ist mechanisch fest mit dem Fräswerkzeug verbunden – jede Bewegung der Tastspitze überträgt sich unmittelbar auf den Fräser, sodass am Werkstück exakt dieselbe Kontur entsteht wie am Modell. Angetrieben wird diese Bewegung nicht von Hand, sondern über Elektromagneten, die je nach Richtung und Stärke der Auslenkung ein- oder ausgeschaltet werden. Im Ergebnis ist Ecomil eine mechanisch-elektrische Antwort auf eine Aufgabe, die Werkzeugmaschinen bis heute lösen müssen, heute allerdings per Computersteuerung: komplizierte, dreidimensionale Formen an großen Werkstücken originalgetreu nachzubilden.

Vom eigenständigen Hersteller zur Produktmarke

Droop & Rein wurde 1890 in Bielefeld gegründet und war damit Teil eines Werkzeugmaschinen-Clusters, zu dem in derselben Stadt auch Gildemeister und die Bielefelder Maschinenfabrik (Dürkopp) gehörten. Gildemeister liefert dabei fast schon eine Blaupause desselben Musters: 1870 ebenfalls in Bielefeld gegründet, firmiert das Unternehmen seit der Fusion mit dem japanischen Werkzeugmaschinenbauer Mori Seiki 2009 als DMG Mori – Sitz und Fertigung sind bis heute in Bielefeld geblieben, nur Name und Eigentümerstruktur haben sich geändert. Im nahen Lübbecke wiederholt sich das Muster ein drittes Mal, nur in einer anderen Branche: Der 1951 gegründete Holzbearbeitungsmaschinenbauer IMA Klessmann gehört seit 2015 zum österreichischen Schelling-Konzern und firmiert seither als IMA Schelling Deutschland – der Standort blieb auch hier.

Als eigenständiges Unternehmen ist auch Droop & Rein nicht erhalten geblieben: Die Firma ging in der Schiess AG auf, einem größeren Werkzeugmaschinenkonzern. Die Marke selbst überlebte diesen Übergang und fand sich später bei der Dörries Scharmann Technologie GmbH wieder, einer Werkzeugmaschinengruppe mit Hauptsitz in Mönchengladbach, die unter einem Dach die Marken Dörries, Scharmann, Berthiez und Droop+Rein vereinte. 2011 übernahm die Schweizer Starrag-Gruppe – börsennotiert an der SIX, mit Sitz in Rorschach – Dörries Scharmann vollständig für rund 70 Millionen Euro.

Heute firmiert Droop+Rein als Produktmarke innerhalb von Starrags Division „Large Parts Machining Systems“, die auch die Standorte Mönchengladbach (Dörries) und St. Étienne (Berthiez) umfasst. Der Bielefelder Standort ist auf Portalbearbeitungszentren für Großbauteile spezialisiert, mit Kunden in Luft- und Raumfahrt, Energie und Transportwesen. Bezeichnend ist eine Formulierung aus dem eigenen Konzernmagazin: Die Fräsköpfe für diese Maschinen werden weiterhin vollständig in Bielefeld entwickelt, gebaut und getestet – ein Stück westfälischer Beharrlichkeit im Kleinen, das sich in keiner Bilanz eines Schweizer Konzerns ablesen lässt, aber in jeder ausgelieferten Maschine steckt.

Was hier persistiert – und was nicht

Von den drei üblichen Bestandteilen unternehmerischer Eigenständigkeit – Kapitaleigentümerschaft, Rechtspersönlichkeit, operative Kompetenz – sind bei Droop & Rein die ersten beiden mehrfach gewechselt, teils über Ländergrenzen hinweg (deutsch → deutsch → schweizerisch), während der dritte an einem einzigen Standort verblieben ist. Das unterscheidet den Fall von den Zuliefererverlust-Geschichten, die diesen Raum sonst prägen: Hier ist nicht Wertschöpfung an einen ausländischen Systemgestalter abgewandert, während die deutsche Seite auf Komponentenlieferung zurückfällt. Stattdessen bleibt die komplexitätstragende Kompetenz – Konstruktion und Fertigung der Fräsköpfe, also genau jenes Element, das die Bearbeitungsgenauigkeit bestimmt – am Ort ihrer Entstehung, während sich die Eigentümerebene darüber mehrfach neu sortiert hat.

Der historische Vergleich zur Ecomil-Steuerung von 1963 macht diese Kontinuität konkreter, als es ein reiner Eigentümer-Stammbaum könnte: Die Aufgabe – Nachformen komplexer Konturen an Großbauteilen – ist über sechzig Jahre hinweg dieselbe geblieben, während sich die technische Lösung mehrfach abgelöst hat, von der starren elektromechanischen Kopplung zur numerischen Mehrachssteuerung heutiger Portalzentren. Die Kontinuität liegt also nicht in der Technik selbst, sondern in der Fähigkeit, für ein bestimmtes Problem – Präzisionsbearbeitung sehr großer Werkstücke – jeweils die aktuelle Lösung zu beherrschen.

Ob sich daraus ein Muster ableiten lässt, das über den Einzelfall hinausreicht, bleibt offen. Ein naheliegender Vergleichspunkt ist der deutsche Marinewerftenbau, der Systemhoheit in einem Spezialsegment (Marine-, Forschungsschiffbau) gegen Chinas Volumendominanz behauptet hat, während der zivile Großschiffbau diese Position weitgehend verloren hat. Auch dort liegt die Kontinuität nicht in Unternehmensgrenzen – mehrere der beteiligten Werften haben ihre Eigenständigkeit verloren –, sondern in einer geografisch gebundenen Kompetenz, die den Eigentümerwechsel überdauert. Zwei Fälle sind für eine belastbare Verallgemeinerung zu wenig; denkbar ist ebenso gut, dass die Gegenbeispiele – Kompetenzverlust trotz fortbestehender Firma, oder Kompetenzabwanderung nach einem Eigentümerwechsel – zahlreicher sind und hier lediglich nicht betrachtet wurden. Die These, dass hochspezialisierte, ortsgebundene Fertigungskompetenz eigentümerunabhängig persistieren kann, während generischere Positionen im selben Sektor an ausländische Konzerne verloren gehen, ist damit vorläufig korroboriert, nicht mehr.

Ralf Keuper


Quellen

Von Rolevinck

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