Kein Postkartenmotiv, sondern gewachsene Wirklichkeit: Zwischen Münsterländer Parklandschaft, Soester Börde und Sauerländer Mittelgebirge erzählt Westfalen-Lippe die Geschichte einer Landschaft, die der Mensch nicht gefunden, sondern gestaltet hat – Feld für Feld, Hecke für Hecke, Generation für Generation.
„Wieder das Wesentliche: Eindruck ist ein Gesamter, nicht im Einzelnen. Und so einfach-groß, dass er viel stärker und durchgreifender ist als bei jeder anderen Landschaft; darin Gefühl einer ungeheuren Fülle von Einzelheiten, die nicht ausgedrückt, beschrieben werden kann, aber in Wirklichkeit ist Westfalen nur eine große Einfachheit, ein urstarkes Erlebnis von Linie und Terrasse, darin höchste Primitivität, in der alle feingegliederte Fülle sich einfügt, zusammenklingt, ganz flach geballter Akkord, letzte Reife, Summa, Finale. Ergebnis. Letztes Werk.“ — Jürgen von der Wense, Tagebucheintrag „Westfalen“, 1937 (aus: Wanderjahre)
Wer durch das Münsterland fährt, sieht Höfe, die wie hingewürfelt zwischen Hecken und kleinen Wäldchen liegen, Alleen, die sich in der Ferne verlieren, Wallhecken, die Felder wie grüne Adern durchziehen. Es wirkt, als habe die Natur hier ihr eigenes Ordnungsprinzip gefunden. Tatsächlich ist es umgekehrt: Diese Landschaft ist das Ergebnis jahrhundertelanger, oft jahrtausendealter Arbeit. Was wie Zufall aussieht, ist Ergebnis von Landwirtschaft, Siedlung, Handwerk und Verkehr – ein Mosaik, kein Gemälde aus einem Guss.
Westfalen-Lippe kennt keine einheitliche Kulturlandschaft, sondern viele nebeneinander bestehende. Die Münsterländer Parklandschaft mit ihren Einzelhöfen und Streuobstwiesen ist eine andere Welt als die Soester Börde, wo der Blick über weite, fruchtbare Ackerflächen bis zum Horizont reicht. Wieder anders das Sauerland und das Siegerland: waldreiche Mittelgebirgslandschaften, in denen sich Landwirtschaft dem Relief unterordnen musste. Ostwestfalen-Lippe fügt mit der Ravensberger Mulde und dem Teutoburger Wald eine dritte Textur hinzu, während das Ruhrgebiet zeigt, dass Kulturlandschaft auch Industrie, Siedlung und Natur in engster Nachbarschaft meinen kann.
Diese Vielfalt trägt sichtbare Spuren: Fachwerkhäuser und Speicher, Mühlen und Gutshöfe, Kirchen, Burgen und Klöster, aber ebenso frühindustrielle Zeugnisse und ehemalige Bergbaustandorte im südlichen Westfalen und im Ruhrgebiet. Kulturlandschaft ist damit nie nur Naturraum und nie nur Denkmal – sie ist beides zugleich, untrennbar verwoben.
Der vielleicht wichtigste Gedanke dahinter ist unbequem für jeden, der Landschaft mit unberührter Natur verwechselt: Viele der artenreichsten Lebensräume Westfalens – Heckenlandschaften, traditionelle Weiden, bestimmte Ackerbiotope – sind keine Restnatur, sondern Kulturprodukt. Ohne regelmäßige, angepasste Bewirtschaftung verschwinden sie, und mit ihnen die Arten, die sich über Generationen an genau diese Nutzung angepasst haben. Stilllegung ist hier kein Naturschutz, sondern häufig sein Gegenteil.
Aus dieser Einsicht entsteht das Leitbild „Naturschutz durch Nutzung“: Landwirtschaft, die wirtschaftlich tragfähig bleibt und zugleich gezielt Artenvielfalt und landschaftliche Eigenart sichert. Die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft, gegründet vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband, bringt dafür Landwirtschaft, Naturschutz und Behörden an einen Tisch – mit Artenschutzprojekten, Ökokonto- und Ausgleichsmaßnahmen und biodiversitätsfördernden Kooperationen mit landwirtschaftlichen Betrieben.
Damit wird auch deutlich, dass „Westfalen“ als geografischer Raum kein feststehendes Ding ist, sondern – wie es Wilhelm Müller-Wille in seinem Standardwerk Westfalen. Landschaftliche Ordnung und Bindung eines Landes formuliert hat – nur zu verstehen ist:
„Das Land Westfalen als anthropogeografischer Raum ist somit nur als ein bestimmtes Geflecht von Kulturlandschaften zu verstehen. Dieses ist natürlich nicht für alle Zeiten festgelegt; es ist – wie alles Menschliche – historisch wandelbar. […] Schließlich gewinnt man durch das Studium der Kulturlandschaft eine konkretere Vorstellung vom Menschen selbst. […] Dem Einzelnen oft unbewusst, prägt sie den Bewohner und macht ihn zum ›Kind seiner Heimat‹. Wer also den Menschen in Westfalen verstehen will, muss seine Kulturlandschaften kennen: nur von ihnen und mit ihnen sind die Bewohner in ihrer Eigenart zu begreifen.“ — Wilhelm Müller-Wille, Westfalen. Landschaftliche Ordnung und Bindung eines Landes
Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Teillandschaft als das, was sie mit den anderen verbindet. Und wer diese Kulturlandschaften studiert, lernt nicht nur ein Land kennen, sondern auch die Menschen, die es bewohnen – Kinder ihrer Heimat, geprägt von etwas, das den meisten von ihnen selbst kaum bewusst ist.
Rund um Warendorf lässt sich dieses Prinzip beinahe mit Händen greifen. Die Münsterländer Parklandschaft, die die Region prägt, wirkt auf den ersten Blick wie gewachsene Natur: Einzelhöfe, Hecken, Baumreihen, dazwischen Acker- und Grünland und immer wieder kleine Waldinseln. Wer genauer hinschaut, erkennt: Es ist bäuerliche Arbeit, die über Jahrhunderte diese Struktur geformt hat – und die sie, wenn sie fortgesetzt wird, auch für die Zukunft bewahrt.
Das ist das eigentliche Lob, das Westfalen verdient: nicht das einer stillen, unveränderten Landschaft, sondern das einer lebendigen, die ihre Schönheit u.a. der fortgesetzten Arbeit derer verdankt, die sie bestellen.
Jürgen von der Wense hat 1937 etwas Verwandtes gesehen, nur von der anderen Seite her. Wo dieser Essay ein Mosaik aus Münsterland, Börde, Sauerland, Ostwestfalen-Lippe und Ruhrgebiet beschreibt, sah er im selben Land „nur eine große Einfachheit“ – einen Gesamteindruck, der sich jeder Aufzählung entzieht, weil er größer ist als die Summe seiner Teile. Beide Blicke widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich: Die Einzelheiten – Hecke, Hof, Ackerrain, Terrasse – sind es, aus denen sich am Ende jener „flach geballte Akkord“ zusammensetzt, den man erst spürt, wenn man aufhört, zu zählen, und anfängt, hinzusehen.
Ralf Keuper
