Die Stadtwerke Warendorf wollen die Altstadt mit Flusswärme aus der Ems heizen – ein Leuchtturmprojekt für die kommunale Wärmewende. Doch hinter den Klimaversprechen verbergen sich strukturelle Risiken, die in der öffentlichen Kommunikation untergehen.
Die Verheißung
Warendorf könnte Geschichte schreiben. An der Beelener Straße soll eine Wärmeerzeugungsanlage entstehen, die dem Emswasser thermische Energie entzieht und über ein Fernwärmenetz in die Altstadt leitet. Zwei-Megawatt-Wärmepumpen, ein 2.000-Kubikmeter-Pufferspeicher, regenerativer Strom aus der Region – das Projekt klingt nach Lehrbuch-Energiewende. Die Stadtwerke versprechen bis zu 50.000 Tonnen CO₂-Einsparung jährlich, Unabhängigkeit von Gasimporten und stabile Preise. Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) übernimmt bis zu 50 Prozent der Investitionskosten.
Seit Januar 2025 laufen die Bauarbeiten. Rund 1.100 Wohneinheiten sollen perspektivisch angeschlossen werden, öffentliche Gebäude wie Schulen und Kitas zuerst. Der Anschluss bleibt freiwillig – ein kluger Schachzug, der politischen Widerstand minimiert und gleichzeitig Druck durch Frühbucher-Rabatte erzeugt.
Die Leerstellen
Was in der Projektkommunikation fehlt, ist eine ehrliche Risikoabwägung. Die Stadtwerke betonen, dass die Emstemperatur „selten unter 4 °C“ falle – aber was heißt „selten“? Fünf Tage im Jahr oder zwanzig? Bei Temperaturen unter diesem Schwellenwert müssen die Gaskessel einspringen, die als Redundanz eingeplant sind. Wie oft das passiert, entscheidet über die tatsächliche CO₂-Bilanz – und niemand kann es vorhersagen.
Der propagierte COP von 3,6 – also das Verhältnis von erzeugter Wärme zu eingesetztem Strom – gilt unter Laborbedingungen. Im Realbetrieb mit schwankenden Flusstemperaturen, Wartungsintervallen und dem unvermeidlichen Biofouling der Wärmetauscher dürfte die Effizienz niedriger ausfallen. Die Grosskraftwerk Mannheim AG, die eine vergleichbare Anlage am Rhein betreibt, warnt bereits, dass bei extremem Niedrigwasser oder Temperaturen unter 3 °C andere Erzeuger einspringen müssen.
Auch das Preisversprechen verdient Skepsis. „Stabile Kosten, unabhängig von Gasimporten“ suggeriert eine Entkopplung vom Energiemarkt, die so nicht existiert. Die Wärmepumpen brauchen Strom, der am Spotmarkt gehandelt wird. Und die Backup-Gaskessel werden ausgerechnet dann laufen, wenn auch die Strompreise am höchsten sind – in Kältewellen mit hoher Nachfrage und niedriger Erneuerbaren-Einspeisung.
Das Kostenmodell
Die Tarifstruktur offenbart ein klassisches Muster kommunaler Infrastrukturprojekte: Frühbucher werden belohnt, Zögerer bestraft. In der Startphase kostet der Anschluss 420 Euro pro Kilowatt, danach regulär 600 Euro – ein Aufschlag von 43 Prozent. Bei einem typischen Einfamilienhaus mit 15 kW Anschlussleistung macht das einen Unterschied von 2.700 Euro.
Die laufenden Kosten setzen sich aus drei Komponenten zusammen: 30 Euro Grundpreis monatlich, 55 Euro pro Kilowatt und Jahr als Leistungspreis, plus 14,5 Cent pro Kilowattstunde Arbeitspreis. Die Stadtwerke rechnen das auf etwa 17,5 Cent pro Kilowattstunde Gesamtkosten hoch – allerdings mit dem Zusatz „Änderungen vorbehalten“. Diese drei Worte relativieren jedes Stabilitätsversprechen.
Was fehlt: Eine transparente Vergleichsrechnung mit individuellen Wärmepumpen. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe im Eigenheim hat höhere Anfangsinvestitionen, aber keine Monopolbindung. Wer sich ans Fernwärmenetz anschließt, kann den Anbieter nicht wechseln – die üblichen Marktmechanismen sind außer Kraft gesetzt.
Eine detaillierte Berechnung im Anhang.
Das Fernwärme-Dilemma
Die grundsätzliche Kritik an Fernwärme trifft auch auf EmsWärme zu – unabhängig von der Wärmequelle. Fernwärmenetze sind natürliche Monopole. Der Anschlussnehmer bindet sich an eine Infrastruktur, die 30 bis 50 Jahre im Boden liegt. Was in dieser Zeit mit Strompreisen, Regulierung oder den Finanzen der Stadtwerke passiert, trägt er mit.
Hinzu kommen die physikalischen Verluste. Je nach Netzlänge und Dämmstandard gehen 10 bis 25 Prozent der erzeugten Wärme auf dem Transportweg verloren. Bei dezentralen Wärmepumpen entfällt dieser Posten vollständig. Und während moderne Niedertemperatur-Wärmepumpen bei 35 bis 45 Grad Vorlauftemperatur optimale Wirkungsgrade erreichen, plant Warendorf mit klassischen 90 Grad – ein Kompromiss zugunsten unsanierter Altbauten, der die Gesamteffizienz drückt.
Die Alternative wäre eine konsequente Gebäudesanierung mit dezentralen Wärmepumpen. Das ist politisch unbequemer, weil es jeden Hausbesitzer einzeln in die Pflicht nimmt. Aber es vermeidet den Lock-in und erhält den Wettbewerb.
Im nationalen Vergleich
Warendorf ist kein Einzelfall, aber auch kein Trendsetter. Die großen Flusswärme-Projekte entstehen anderswo: In Köln baut die RheinEnergie mit 150 Megawatt die größte Flusswärmepumpe Europas, Investitionsvolumen 280 Millionen Euro, geplante Versorgung von 50.000 Haushalten. In Mannheim läuft seit Oktober 2023 eine 20-Megawatt-Anlage am Rhein. Berlin, Stuttgart und Rosenheim folgen im Rahmen des „Reallabors Großwärmepumpen“.
Der Unterschied: Die Ems ist ein Mittelgebirgsfluss mit deutlich geringerer Wasserführung als der Rhein. Würde man nur zwei Prozent der durchschnittlichen Wassermenge des Rheins bei Köln um ein Grad abkühlen, ließen sich daraus 400 Megawatt thermische Leistung gewinnen. Warendorf plant 2 Megawatt pro Wärmepumpe – ein Faktor 200. Das Projekt ist Pionierarbeit für kleinere Kommunen an Mittelgewässern, nicht Blaupause für die Republik.
Bemerkenswert: An der Ems gibt es bislang keine koordinierte Strategie. Rheda-Wiedenbrück prüft noch, ob Flusswärme oder Tiefengeothermie sinnvoller wäre. Lingen hat sich für Abwärme aus dem RWE-Gaskraftwerk entschieden – klassische Kraft-Wärme-Kopplung, effizient solange das Kraftwerk läuft, aber eben fossil.
Die offenen Fragen
Wer sich für EmsWärme entscheidet, sollte Antworten auf Fragen verlangen, die in der Projektkommunikation nicht vorkommen: Wie lang ist die vertragliche Mindestbindung? Was kostet ein Rückbau, falls das Netz wirtschaftlich scheitert? Wer haftet bei technischem Versagen? Was passiert, wenn die BEW-Förderung nach 2030 ausläuft und die Investition noch nicht amortisiert ist?
Die „lebenslange Wartung“, die im Paket enthalten sein soll, klingt nach Rundum-Sorglos. Aber wer garantiert das bei einem kommunalen Eigenbetrieb, dessen Existenz von politischen Mehrheiten abhängt? Und was genau bedeutet „Änderungen vorbehalten“ bei einem Vertrag, der Jahrzehnte laufen soll?
Fazit
EmsWärme ist kein schlechtes Projekt. Es ist ein ambitioniertes Projekt mit echtem Klimanutzen – wenn die optimistischen Annahmen eintreffen. Die Stadtwerke Warendorf wagen etwas, das andere Kommunen an vergleichbaren Flüssen nicht wagen. Das verdient Anerkennung.
Was fehlt, ist die kritische Begleitkommunikation. Die Projektdarstellung wirkt eher wie ein PR-Text als wie eine ehrliche Projektanalyse mit einer Abwägung von Chancen und Risiken. Das erzeugt Erwartungen, die später enttäuscht werden könnten – und gefährdet langfristig die Akzeptanz, die das Projekt braucht.
Ob man sich anschließt oder nicht – nur wer die Risiken kennt, kann fundiert entscheiden.
Das Kostenmodell im Detail
Einmalige Anschlusskosten
Die Stadtwerke arbeiten mit einem Frühbucher-System: Wer sich in der Startphase anschließt, zahlt 420 Euro pro Kilowatt Anschlussleistung. Wer später kommt, zahlt den regulären Preis von 600 Euro pro Kilowatt.
Was bedeutet das konkret? Die Anschlussleistung richtet sich nach dem Wärmebedarf des Hauses. Ein typisches Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern Wohnfläche benötigt etwa 10 bis 15 Kilowatt.
Für die Rechnung nehmen wir 12 kW als Mittelwert:

Wer abwartet, zahlt also über 2.000 Euro mehr – ohne Gegenleistung. Das erzeugt Entscheidungsdruck: Lieber jetzt zusagen, bevor es teurer wird. Ein bewährtes Vertriebsinstrument, das aber auch dazu führen kann, dass Hausbesitzer eine Entscheidung treffen, bevor sie alle Alternativen geprüft haben.
Laufende Kosten
Die monatliche Rechnung setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:
- Grundpreis: 30 Euro pro Monat (360 Euro im Jahr)
Diesen Betrag zahlt jeder Anschlussnehmer, unabhängig davon, wie viel er heizt. Er deckt die Fixkosten des Netzbetreibers – Wartung, Verwaltung, Abschreibung der Infrastruktur. - Leistungspreis: 55 Euro pro Kilowatt und Jahr
Dieser Posten richtet sich nach der vereinbarten Anschlussleistung, nicht nach dem tatsächlichen Verbrauch. Bei 12 kW Anschlussleistung sind das 660 Euro im Jahr – ebenfalls unabhängig davon, ob ein milder oder strenger Winter war. - Arbeitspreis: 14,5 Cent pro Kilowattstunde
Nur dieser Teil hängt vom tatsächlichen Verbrauch ab. Wer weniger heizt, zahlt weniger.
Rechenbeispiel für ein Einfamilienhaus
Ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit 150 m² verbraucht etwa 15.000 bis 20.000 Kilowattstunden Wärme pro Jahr. Rechnen wir mit 18.000 kWh und 12 kW Anschlussleistung:

Das entspricht etwa 303 Euro pro Monat oder – auf den Verbrauch umgerechnet – rund 20 Cent pro Kilowattstunde. Die Stadtwerke nennen 17,5 Cent, gehen dabei aber vermutlich von einem höheren Verbrauch aus, bei dem sich die Fixkosten stärker verteilen.
Der Haken: Fixkosten dominieren
Auffällig ist die Struktur: Grundpreis und Leistungspreis zusammen machen über 1.000 Euro im Jahr aus – unabhängig vom Verbrauch. Wer energetisch saniert und seinen Wärmebedarf halbiert, spart nur beim Arbeitspreis. Die Fixkosten bleiben.
Zum Vergleich: Bei einer eigenen Wärmepumpe mit Stromtarif gibt es keinen Leistungspreis. Wer weniger verbraucht, spart proportional.
„Änderungen vorbehalten“
Die Stadtwerke weisen darauf hin, dass alle genannten Preise unter Vorbehalt stehen. Was heute 14,5 Cent kostet, kann in fünf Jahren 18 oder 22 Cent kosten – ohne dass der Kunde kündigen kann. Fernwärme ist ein natürliches Monopol: Wer angeschlossen ist, hat keine Alternative mehr. Der Wechsel zu einem anderen Anbieter ist technisch unmöglich, der Rückbau auf eine eigene Heizung teuer und aufwendig.
Die Preisgleitklauseln, die in Fernwärmeverträgen üblich sind, koppeln die Kosten oft an Indizes wie den Gaspreisindex oder Lohnkostenentwicklungen. Das kann in beide Richtungen gehen – aber der Kunde hat keinen Einfluss darauf und keine Exit-Option.
Quellen:
Primärquellen
Projektinformationen Warendorf
Stadtwerke Warendorf: EmsWärme – Projektwebseite
https://www.stadtwerke-warendorf.de/emswaerme
Vergleichsprojekte Ems-Region
Die Glocke: „Rheda-Wiedenbrück: Ems als Energiequelle der Zukunft“, 5. August 2025
https://www.die-glocke.de/kreis-guetersloh/rheda-wiedenbrueck/artikel/rheda-wiedenbrueck-ems-als-energiequelle-der-zukunft-1754404208
Westfalen-Blatt: „Prüfantrag zu Geothermie in Rheda-Wiedenbrück“, 25. April 2023
https://www.westfalen-blatt.de/owl/kreis-guetersloh/rheda-wiedenbrueck/prufantrag-zu-geothermie-in-rheda-wiedenbruck-2745791
Stadtwerke Lingen: Fernwärme
https://www.stadtwerke-lingen.de/waerme/fernwaerme
Stadt Lingen: Fernwärmeversorgung / Wärmebündnis mit RWE
https://www.lingen.de/bauen-wirtschaft/wasserstoffregion/nahwaermenetz-der-stadtwerke-lingen/fernwaermeversorgung.html
Stadtwerke Lingen: „Stadtwerke und RWE schmieden Wärmebündnis für Lingen“, 23. Juni 2020
https://www.stadtwerke-lingen.de/neuigkeiten/detail/stadtwerke-und-rwe-schmieden-waermebuendnis-fuer-lingen
Flusswärmepumpen in Deutschland
Köln (RheinEnergie, 150 MW)
RheinEnergie: „Europas größte Flusswasser-Wärmepumpe: Vergabe des Auftrags ist erfolgt“
https://www.rheinenergie.com/de/unternehmen/newsroom/nachrichten/news_72986.html
MAN Energy Solutions: Pressemitteilung zur Flusswasser-Wärmepumpe Köln, 16. Dezember 2024
https://www.man-es.com/de/unternehmen/pressemitteilungen/press-details/2024/12/16/man-energy-solutions-liefert-europas-größte-flusswasser-wärmepumpe-für-rheinenergie-heizkraftwerk-in-köln
aktiv online: „Europas größte Flusswasser-Wärmepumpe soll bald 50.000 Haushalte heizen“, 25. Juni 2025
https://www.aktiv-online.de/news/europas-groesste-flusswasser-waermepumpe-soll-bald-50000-haushalte-heizen-20111
Mannheim (MVV, 20 MW)
MVV Energie: Flusswärmepumpe 1 – Projektseite
https://www.mvv.de/ueber-uns/unternehmensgruppe/mvv-umwelt/aktuelle-projekte/flusswaermepumpen/flusswaermepumpe-1
taz: „Wärmeenergie aus Flusswasser: Mannheims Riesenpumpe“, 10. April 2023
https://taz.de/Waermeenergie-aus-Flusswasser/!5925491/
RWE en:former: „Energie aus dem Rhein: Flusswärmepumpe soll nachhaltig heizen“
https://www.en-former.com/energie-aus-dem-rhein-flusswaermepumpe-soll-nachhaltig-heizen/
Hintergrund und Einordnung
Technologie und Potenziale
VDI: „Fernwärme über die Flusswärmepumpe – in deutschen Ballungszentren oft alternativlos“
https://www.vdi.de/news/detail/fernwaerme-ueber-die-flusswaermepumpe-in-deutschen-ballungszentren-oft-alternativlos
BDEW Magazin zweitausend50: „So können Großwärmepumpen bei der Fernwärme helfen“
https://bdew.de/online-magazin-zweitausend50/stoffwechsel/großwaermepumpe-alles-im-fluss
Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen: „Umweltwärme aus oberflächennahen Gewässern“
https://www.klimaschutz-niedersachsen.de/Umweltwaerme-aus-oberflaechennahen-Gewaessern-3343
Reallabor Großwärmepumpen (BMWK)
energieforschung.de: „Großwärmepumpen in deutschen Fernwärmenetzen“
https://www.energieforschung.de/projekt/neu-grosswaermepumpen-in-deutschen-fernwaermenetzen/
Kommunale Initiativen
Grüne Düsseldorf: „Flusswärme als klimaneutrale Wärmequelle der Zukunft“
https://www.gruene-duesseldorf.de/flusswaerme-als-klimaneutrale-waermequelle/
