Der Brieftaubensport war einst das Hobby der Bergleute – ein Stück Freiheit für Menschen, die ihr Leben unter Tage verbrachten. Heute kämpft die Szene ums Überleben, während in China Millionen für Spitzentauben gezahlt werden. Eine Geschichte über Tradition, Strukturwandel und die Frage, was von einer Arbeiterkultur bleibt, wenn die Arbeit verschwindet.


Wer das Ruhrgebiet verstehen will, muss nach oben schauen. Nicht auf die Fördertürme, die längst zu Industriedenkmälern geworden sind, sondern auf die Taubenschläge, die noch immer auf Dächern und in Hinterhöfen stehen. Der Brieftaubensport erzählt die Geschichte dieser Region vielleicht ehrlicher als jedes Bergbaumuseum – denn er zeigt, was passiert, wenn eine Kultur ihren wirtschaftlichen Nährboden verliert.

Im 19. Jahrhundert, als das Ruhrgebiet zur industriellen Herzkammer Europas wurde, entdeckten die Bergleute die Brieftaubenzucht für sich. Die Logik war bestechend einfach: Wer täglich in der Dunkelheit unter Tage schuftete, sehnte sich nach Weite und Himmel. Die Tauben boten beides – und dazu den Nervenkitzel des Wettbewerbs, die Hoffnung auf ein kleines Stück Anerkennung jenseits der Zeche. Als der Verband Deutscher Brieftaubenliebhaber 1884 in Essen gegründet wurde und noch im selben Jahr seine erste Wanderversammlung mit angeschlossener Ausstellung abhielt, war das kein Zufall. Das Ruhrgebiet wurde zum deutschen Mekka des Sports. Bereits 1890 zählte der Verband 190 Vereine, zehn Jahre später waren es fast 700. In der Hochphase gab es über 70 Vereine allein in der Kernregion, Hunderte Mitglieder pro Club und eigene Taubenbälle – gesellschaftliche Ereignisse, die im Arbeiterkalender fest verankert waren.

Dortmund entwickelte sich dabei zu einem der Zentren dieser Bewegung. Die Stadt, in der Kohle und Stahl das Leben bestimmten, brachte eine dichte Vereinslandschaft hervor. Heute gehört sie zum Regionalverband 402 „Dortmund und Umgebung“, unter dessen Dach sich mehrere Reisevereinigungen organisieren – von Scharnhorst über Mengede bis Marten. Die Strukturen spiegeln die Stadtgeografie: Jeder Ortsteil hatte einst seinen eigenen Verein, seine eigenen Rivalitäten, seine eigenen Legenden. Dass Dortmund bis heute Austragungsort der Deutschen Brieftauben-Ausstellung ist – nach Eigenangaben die weltweit bedeutendste Veranstaltung im Brieftaubensport – unterstreicht die historische Bedeutung der Stadt für die Szene.

Heute züchten noch etwa 25.000 bis 30.000 Menschen in der Region rund drei Millionen Tauben. Jeder dritte deutsche Brieftaubenzüchter stammt aus dem Ruhrgebiet. Das klingt nach einer lebendigen Szene, doch die Zahlen täuschen. Die Vereine schrumpfen, die Züchter werden älter, der Nachwuchs bleibt aus. Wer heute Brieftauben halten will, muss etwa drei Stunden täglich investieren – Zeit, die in einer Gesellschaft der durchgetakteten Biografien kaum jemand hat. Dazu kommen Kosten für Futter, Impfungen, elektronische Zeitmessung und immer wieder Verluste durch Raubvögel, die in Zeiten des Naturschutzes ungestört jagen.

Der eigentliche Bruch aber liegt tiefer. Mit dem Ende des Bergbaus verschwand nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern ein ganzes Milieu. Die Kumpelkultur mit ihren Vereinen, Stammtischen und gemeinsamen Ritualen hat sich aufgelöst. Die Zechen, an denen die Bergleute nach der Schicht über ihre Tauben fachsimpelten, gibt es nicht mehr. Die sozialen Netzwerke, die den Sport trugen, sind gerissen. In Dortmund, wo die letzte Zeche 1987 schloss, lässt sich dieser Prozess exemplarisch beobachten: Die Reisevereinigungen existieren noch, aber sie kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen und zusammengelegten Strukturen.
Was bleibt, sind Enthusiasten wie Marcel Krause, die die Tradition pflegen, oder das Team Kirchmann in Essen, das noch immer Preise gegen Tausende Konkurrenten gewinnt – bei Wettflügen über 380 Kilometer, die die Tauben in drei Stunden bewältigen. Es bleiben Institutionen wie die Taubenklinik in Essen, die der Verband unterhält, und die wöchentlich erscheinende Fachzeitschrift „Die Brieftaube“. Es bleiben neue Organisationsformen wie die Schlaggemeinschaften, in denen sich Züchter Kosten und Arbeit teilen. Und es bleibt die Ironie, dass der Sport global boomt, während er an seinem Ursprungsort stirbt: In China werden für Spitzentauben Millionenbeträge gezahlt, belgische und niederländische Züchter beliefern einen lukrativen Markt.

Der Versuch, den Brieftaubensport als immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen, ist bisher gescheitert. Tierschützer kritisieren die Verluste bei Wettflügen, auch wenn die Züchter auf ihr aufwendiges Training verweisen – vom ersten Freiflug mit fünf Kilometern bis zur Wettbewerbsreife. Die Debatte zeigt, wie schwer es Traditionen heute haben, die sich nicht nahtlos in zeitgenössische Wertekataloge einfügen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Brieftaubensports für das Ruhrgebiet: Er ist ein Spiegel des Strukturwandels, der nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Lebensformen verschwinden lässt. Die Tauben, die noch über Dortmund und dem Revier kreisen, erinnern daran, dass Kultur mehr braucht als Denkmalschutz und Förderprogramme. Sie braucht Menschen, die sie leben – und die Zeit und den Raum, dies zu tun. Beides wird im durchökonomisierten Alltag immer knapper.

Die Brieftaubenzucht wird das Ruhrgebiet wohl überleben, irgendwo zwischen Liebhaberei und nostalgischer Nische. Aber als lebendige Massenkultur, als selbstverständlicher Teil des Alltags, geht sie dem Ende entgegen. Mit ihr verschwindet ein Stück jener Welt, in der Arbeit und Freizeit, Nachbarschaft und Wettkampf noch zusammengehörten – eine Welt, die es so nicht mehr gibt.

Von Rolevinck

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