Jeff Bezos in Gütersloh

Von Ralf Keuper

In den späten 1990er Jahren weilte Amazon-Gründer Jeff Bezos für einige Stunden in der Hauptverwaltung der Bertelsmann AG in Gütersloh[1]„Paradiesvogel Bezos“ – Darum hat Bertelsmann nicht mit Amazon kooperiert[2]Amazon, Bertelsmann und BOL[3]Thomas Middelhoff im OMR Podcast: Über Hubschrauberflüge und einen geplatzten Amazon-Deal. Er folgte damit einer Einladung des damals für das Internet-Geschäft zuständigen Vorstands Thomas Middelhoff. In dem Gespräch mit hochrangigen Vertretern von Bertelsmann ging es um eine mögliche Kooperation zwischen den beiden Unternehmen. Amazon war zu dem Zeitpunkt noch ein relativ kleines Unternehmen[4]Amazon hatte zu dem Zeitpunkt 60 Mitarbeiter; heute sind es ca. 1,3 Mio., Bertelsmann dagegen ein Weltkonzern. Geplant war ein Joint Venture, an dem Bertelsmann und Amazon zu gleichen Teilen beteiligt gewesen wären. Bertelsmann hätte dabei das Europageschäft übernommen. Aus dem Vorhaben wurde nichts, u.a. deshalb, da die anwesenden Bertelsmann-Manager über das locker-legere Auftreten von Jeff Bezos irritiert waren, zum anderen aber auch, da ihnen das Vorhaben Amazons, auf Dauer nicht nur Bücher, sondern so ziemlich alles zu vertreiben, suspekt war.

Später wurde kolportiert, dass die Bertelsmann-Manager intern geäußert hätten, sie würden keine Geschäfte mit jemanden machen, der in einer Badehose zu einem Geschäftstermin erscheint.

Laut Jeff Bezos kam der Deal damals nicht zustande, da Amazon darauf bestand, die Kontrolle über die europäischen Geschäfte zu bekommen, was Bertelsmann ablehnte[5]Amazon.com-Gründer Bezos: “The winner takes most”.

Wie auch immer. Heute ist Amazon der Riese und Bertelsmann der Zwerg.

Damit stellt sich die Frage: Was wäre wenn?

Auf Dauer hätte die Verbindung zwischen Amazon und Bertelsmann wohl nicht funktioniert. Der Kapital- und Investitionsbedarf für den Ausbau des Europa-Geschäfts hätte die Möglichkeiten eines Familienunternehmens überstiegen. Früher oder später wäre der Gang an die Börse nötig gewesen, was Firmenpatriarch Reinhard Mohn unterbunden hätte. Eventuell wäre es, wie bei der Kooperation mit AOL, zu einer Trennung mit goldenem Handschlag gekommen.

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