Wer sich auf knapp 17 Minuten des Films Corvey – Das Welterbe in Westfalen einlässt, wird reich belohnt: Die vorliegende Kurzdokumentation über das karolingische Westwerk von Corvey und den mittelalterlichen Klosterbezirk ist ein kleines Meisterstück populärwissenschaftlicher Vermittlung. Sie schlägt einen Bogen vom frühen 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart und tut dies mit bemerkenswerter Dichte, ohne jemals zu überfordern.
Gründung und strategische Bedeutung
Den Auftakt bildet die Gründungsgeschichte: Im Jahr 822 entstand am Westufer der Weser eine Benediktinerabtei mit einer klaren politischen Mission – die Christianisierung Sachsens und Nordeuropas nach den Sachsenkriegen Karls des Großen voranzutreiben. Die Dokumentation macht deutlich, wie eng religiöse Sendung, wirtschaftliche Lage und politische Kontrolle in der Karolingerzeit miteinander verknüpft waren. Corveys Lage am Weserübergang und am Hellweg war kein Zufall, sondern Kalkül. Vom 9. bis ins 12. Jahrhundert entfaltete die Abtei eine kulturelle Strahlkraft, die weit über ihre geographische Randlage hinausreichte: Klosterschule, Skriptorium und eine Bibliothek mit Handschriften von Cicero und Tacitus machten Corvey zu einem der bedeutendsten Wissensorte nördlich der Alpen.
Das Westwerk – ein einzigartiges Baudenkmal
Das Herzstück der Dokumentation ist naturgemäß das Westwerk der Abteikirche St. Stephanus und Vitus. Zwischen 873 und 885 als eigenständiger Zentralbau mit eigenem Chor errichtet, ist es das einzige in reiner Form erhaltene Westwerk der Karolingerzeit – und damit das älteste Baudenkmal Westfalens überhaupt. Die Kamera nimmt sich Zeit, diesen Umstand wirken zu lassen. Im Erdgeschoss entfaltet sich ein imposanter Saal mit antikisierenden Säulen und Pfeilern, der an die Monumentalität römischer Vorbilder erinnert; darüber öffnet sich der Johanneschor mit seinen umlaufenden Emporen als zentraler liturgischer Raum.
Malereien und mythologische Motive
Besonders anregend sind die Passagen zur originalen Ausmalung. Was sich einst als „Feuerwerk“ aus Ornamentbändern, Farbfassungen und Wandmalereien – ausgeführt in Kalksecco und -fresco mit Erdpigmenten – präsentiert haben muss, ist heute nur noch in Fragmenten erhalten. Die Dokumentation erläutert die konservatorischen Herausforderungen (Risse, Hohlstellen, frühere Restaurierungseingriffe) mit gebotener Sachlichkeit und ohne falsche Dramatisierung.
Einen besonderen Akzent setzt die Analyse der mythologischen Motive im Johanneschor: Meeresthemen und eine Odysseus-Szene mit dem Seeungeheuer Skylla, christlich umgedeutet im Sinne Augustinus‘. Dass karolingische Mönche antike Mythologie nicht verwarfen, sondern theologisch fruchtbar machten, ist ein Befund, der das gängige Bild des frühen Mittelalters als kulturell geschlossener Epoche erfreulich kompliziert.
Skulpturen und archäologischer Befund
Ebenso fesselnd ist die Rekonstruktion nahezu lebensgroßer karolingischer Wandfiguren anhand von Synopien und Gipsresten unter dem Fußboden. Hier zeigt die Dokumentation ihre wissenschaftliche Ernsthaftigkeit: Hypothesen werden als solche kenntlich gemacht, der Abstand zwischen gesichertem Befund und vorsichtiger Interpretation bleibt stets spürbar.
Auch der Blick auf den mittelalterlichen Klosterbezirk – die „civitas“, die in ihrer Ausdehnung in etwa der heutigen barocken Schlossanlage entspricht – überzeugt. Ausgrabungsbefunde mit Kirchenresten und Gräbern sowie die Geschichte einer im 13. Jahrhundert zerstörten Stadt werden knapp, aber präzise eingebettet. Die frühe Inschriftentafel in Kapitalis Quadrata an der Westwerkfassade, die einen Segenswunsch für die „Stadt“ trägt und zentral für den UNESCO-Welterbestatus ist, erhält zu Recht besondere Aufmerksamkeit.
Historische Schichten bis in die Neuzeit
Der Abschluss skizziert die neuzeitlichen Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg, den barocken Neubau der Kirche und der Schlossanlage im späten 17. und 18. Jahrhundert sowie die Säkularisation – allesamt Schichten, die sich über dem karolingischen Kern abgelagert haben und die das heutige Ensemble erst zu dem machen, was es ist: ein lebendiges Palimpsest westeuropäischer Geschichte.
Fazit
Die Dokumentation gelingt dort am besten, wo sie das scheinbar Vertraute – eine mittelalterliche Klosterkirche im westfälischen Höxter – als Ort von welthistorischer Bedeutung sichtbar macht, ohne dabei ins Pathos zu verfallen. Wer nach dem Anschauen selbst nach Corvey fahren möchte, darf das als höchstes Lob für ein solches Format werten. Sehr empfehlenswert.
