Die Bertelsmann-Bilanz 2017 nüchtern betrachtet

Von Ralf Keuper

Wer die diversen Berichte über die Bilanzpressekonferenz von Bertelsmann sowie die Konferenz selber verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Bertelsmann von einem Rekord zum anderen eilt.

In der Tat: Der Gewinn stieg im Jahr 2017 auf 1,2. Mrd. Euro und erreichte damit einen Höchststand.

Der Blick auf die Umsatzentwicklung führt indes zu einer leichten Ernüchterung: Der Umsatz ist im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent auf 17,2 Mrd. Euro gestiegen – bei einer Inflationsrate von 1,8 % in Deutschland im Jahr 2017 entspricht das einem realen “Minus-Wachstum” von 0,4 Prozent. Das ist nicht wirklich berauschend.

Bei G+J ging der Umsatz um 4 Prozent zurück, wohingegen der Gewinn zunahm (Vgl. dazu: „Neues und noch mehr Neues“: G+J steigert 2017 Konzernergebnis und setzt weiter auf Mut zur Innovation).

Den größten Anteil am Konzerngewinn steuerte wieder einmal die RTL-Group bei. Der Umsatz legte um 2,6 Prozent zu (Vgl. dazu: Deutsches TV-Geschäft treibt Umsatz der RTL Group weiter an).

Arvato, mit ca. 70.000 Mitarbeitern der mit Abstand größte Unternehmensbereich, musste einen Ergebnisrückgang um zehn Prozent auf 320 Mio. Euro hinnehmen (Vgl. dazu: Arvato schwächelt, Mediengeschäft boomt).

Noch in diesem Jahr soll die CRM-Sparte von arvato entweder ganz verkauft oder mit einem Partner weiter betrieben werden. Das würde 36.000 Mitarbeiter und ca. 1 Mrd. Umsatz betreffen. Damit rücken die 20 Mrd. Euro Umsatz, die Bertelsmann unter Thomas Middelhoff bereits erreicht hatte, und die für 2020 avisiert sind, in die Ferne. Dennoch hält man an dem Ziel fest.

Die Nettofinanzschulden sind auf 3,5 Mrd. Euro (Vorjahr: 2,6 Mrd. Euro) gestiegen, ebenso wie die wirtschaftlichen Schulden (6,2 Mrd. Euro; Vorjahr 5,9 Mrd. Euro). Das Eigenkapital sank von 9,9 Mrd. Euro im Jahr 2016 auf 9,1 Mrd. im Jahr 2017. Die Eigenkapitalquote verringerte sich entsprechend von 41,6 auf 38,5 Prozent, was aber noch immer ordentlich ist. Der Leverage-Faktor liegt unverändert bei 2,5.

Die Investitionen stiegen von 1,2 Euro im Jahr 2016 auf 1,8 Mrd. Euro im Jahr 2017.

Beklagt werden die ungleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen den Tech-Plattformen und den Medienkonzernen. Allerdings: Die Tech-Konzerne sind vor allem auch Medienkonzerne, wie Google, facebook, Amazon, Tencent oder Apple – und das ungleich erfolgreicher als Bertelsmann – und zwar über alle relevanten Kennzahlen (Gewinn, Umsatz, Investitionen, Mitarbeiterentwicklung) hinweg.

Nur mal zum Vergleich: Im Jahr 2016 erzielte der Online-Videodienst Netflix mit 4.700 Mitarbeitern einen Umsatz von 8,83 Mrd. Dollar. Spotify erzielt mit 3.000 Mitarbeitern ca. 4. Mrd. Dollar Umsatz. Im Gegensatz zu Netflix arbeitet Spotify jedoch mit Verlusten.

Bei nüchterner Betrachtung zeigt sich, dass der Konzern in zwei Teile mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Geschwindigkeiten geteilt ist: Zum einen Medien (RTL, Random House,  BMG, G+J) und zum anderen Logistikdienstleistungen (arvato). Daneben noch Bertelsmann Investments und Bertelsmann Education Group.

Der einstmals am breitesten diversifizierte Medienkonzern der Welt leidet zunehmend daran, dass die Teile nicht mehr so richtig zusammenpassen – das gilt vor allem für arvato. Entstanden aus der Vereinigten Verlagsauslieferung (VVA) und Mohndruck, hat sich das Unternehmen über die Jahre zu einem Dienstleister entwickelt, der so ziemlich alles anbietet: Call-Center, Druck, Finanzservices, IT-Services, Kontraktlogistik …). Mit Medien hat das häufig nur noch am Rande zu tun. Insofern führt es in die Irre, wenn der Umsatz von arvato im vollen Umfang in das Ranking der größten Medienkonzerne weltweit einfliesst.

An die Stelle von Bertelsmann und der anderen alten Medienkonzernen sind die neuen, wie Amazon, Google und Apple getreten, die auf ihren Plattformen die verschiedenen Medienkanäle bündeln können. Bertelsmann & Co. sind auf die Plattformen und deren Hardware (Smartphone, Betriebssysteme, Tablet-PCs) in hohem Maß angewiesen, wenn sie ihren Content noch absetzen wollen. Ohne die über facebook vermittelten Werbeeinnahmen sähe es auch für G+J anders aus. Amazon und Netflix produzieren ihre eigenen Filme. Apple ist mit iTunes und dem Apple TV schon längst ein maßgeblicher Akteur im Mediengeschäft. Gleiches gilt für Google mit YouTube. Tencent und Microsoft sind im Gaming führend.

Bertelsmann konkurriert in erster Linie also nicht mehr mit Springer, News Corporation oder Disney, sondern mit Google, Amazon, facebook, Apple, Tencent, Baidu und Alibaba. Und das sind ganz andere Kaliber.

In der Vergangenheit war der Raum Gütersloh der mit Abstand wichtigste für den Konzern – vor allem was die Zahl der Mitarbeiter betraf. Bertelsmann Industrie (Mohndruck, Sonopress, VVA), der (inzwischen aufgelöste) der Buchclub, die Verlage und die Konzernzentrale waren und sind noch wichtige Arbeitgeber. Die Gewinne werden jedoch woanders – bei RTL und G+J erzielt. Damit dürfte die Bedeutung des Standorts Gütersloh abnehmen; insbesondere dann, wenn sich Bertelsmann noch von weiteren arvato-Bereichen trennen sollte. Unterdessen rückt Amazon auch räumlich näher an Bertelsmann heran. Nur wenige Kilometer vom Hochregellager an der A2 entfernt entsteht derzeit ein neues Logistikzentrum.

Ob RTL auch weiterhin seine Dienste als Cash Cow wird leisten können, ist nicht sicher. Im Vergleich zu YouTube und den Streamingdiensten sieht RTL wie ein Relikt aus der Vergangenheit aus (Vgl. dazu: Steht das klassische Fernsehen vor dem Aus?). wenngleich es Stimmen gibt, die bestreiten, dass das lineare Fernsehen keine Zukunft mehr hat (Vgl. dazu: Das Fernsehen ist tot? RTL beweist gerade das Gegenteil).

Wenn die Zukunft des Fernsehens tatsächlich in RTL-Produktionen wie Dschungelcamp, Bauer sucht Frau oder Partnerwahl liegen sollte, dann ist der Befund nicht unbedingt schmeichelhaft – weder für Bertelsmann noch für das Publikum.

Bertelsmann wird, wie Hans-Peter Siebenhaar in Gütersloher Ränkespiele schrieb, wie eine Medien-Holding geführt. Anders als Reinhard Mohn, der großen Wert auf eine dezentrale Organisation legte, die den Managern große Freiräume gewährte, setzt der Finanzmanager Thomas Rabe auf Zentralisierung und Portfoliosteuerung:

Der seit fünf Jahren agierende Vorstandschef Thomas Rabe ist vielmehr ein Holding-Manager, der mit strategischen Weichenstellungen und  mutigen Portfolio-Management das Familienunternehmen steuert und so für nachhaltiges Wachstum sorgen will. Als Rabe 2012 den Medienkonzern übernahm, lag der Umsatz bei 16,07 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Erlöse auf 16,95 Milliarden Euro.

Seit 2012 ist der Umsatz demnach um gut 1.1 Mrd. Euro gestiegen. Gewiss: Der Umsatz ist nicht das Maß der Dinge. Es zeigt sich jedoch, dass das organische Wachstum, das bei Bertelsmann traditionell schwach war, nicht ausreicht, um größere Sprünge zu machen. Was wir sehen ist stattdessen eine fortgesetzte Konsolidierung, wobei die Gewinnerzielung bzw. Rendite höchste Priorität hat. Ob es jedoch auf Dauer ohne die eine oder andere größere, riskante Investition geht, ist zumindest fraglich. Der Erfolg von Bertelsmann verdankte sich in der Vergangenheit im hohen Maß der Gründung des Buchclubs und von Ariola, den Übernahmen von Ufa, Gruner + Jahr, Bantam Books, RTL, Doubleday und RCA. Das geschah alles noch unter Reinhard Mohn …

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