Lemgo Digital offiziell gestartet

Von Ralf Keuper

Heute fiel im historischen Rathaus in Lemgo der offizielle Startschuss für Lemgo Digital. Dabei handelt es um ein in dieser Form in NRW einmaliges Projekt, das neben der Stadtverwaltung auch die Bürger, die Wissenschaft und die Unternehmen einbezieht.

Lemgo als typische Mittelstadt und mit der Hochschule OWL, der Smart Factory und dem Fraunhofer IOSB-INA ein Forschungsstandort von Rang, ist nach den Worten des 1. Beigeordneten der Stadt Lemgo, Dirk Tolkemitt, und Prof. Dr. Jürgen Jasperneite, dem Leiter des Fraunhofer IOSB-INA, hierfür geradezu prädestiniert.

Die alte Hansestadt Lemgo war bereits im Mittelalter eng mit den Handelszentren Europas vernetzt. Was früher die Handelswege waren, sind heute, im sog. Zeitalter der Digitalisierung, das Internet und neuerdings das Internet der Dinge (IoT). Die Digitalisierung, d.h. die zunehmende Vernetzung von (mobilen) Geräten mittels Sensoren, ist, wie die Redner übereinstimmend festhielten, dabei kein Selbstzweck; sie muss den Menschen dienen, nicht umgekehrt. “Die Digitalisierung geht jedoch nicht mehr wech”, so Dirk Tolkemitt in typisch lippischer Redensart.

Prof. Dr. Jasperneite erläuterte das Projekt Lemgo Digital, das als IoT-Reallabor für Mittelstädte und Industrie 4.0 konzipiert ist. Es fügt sich harmonisch in die ostwestfälische Forschungslandschaft mit den Hauptstandorten Bielefeld (Cognitive Technoloy), Paderborn (Systems Design) und Lemgo (Intelligente Automation) ein.

Prof. Dr. Jürgen Jasperneite, Foto: Lemgo Digital

Um die Akzeptanz bei den Bürgern, den eigentlichen Adressaten von Lemgo Digital, sicherzustellen, sollen sie aktiv an der Gestaltung der verschiedenen Angebote aus den Bereichen Mobilität/Verkehr, Umwelt und Handel mitwirken können. Als “Experten des Alltags” hat ihre Stimme bereits in der Entwicklungs- und Testphase Gewicht. Weitere wichtige Akteursgruppen sind die Forschung, die Unternehmen und die Kommune. Die Unternehmen haben den Vorteil, Produkttests in einer frühen Phase durchführen zu können, die Kommunen haben die Gelegenheit, ihre Angebote für die Bürger auszubauen (Bürgeramt, Gewerbeamt etc.).

Die Alte Hansestadt Lemgo steht modellhaft für die über 180 Mittelstädte in NRW, in denen die Hälfte aller Menschen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes leben. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir mit Lemgo Digital zeigen können, dass jahrhundertelange Tradition in unseren Mittelstädten und Innovation kein Widerspruch sind. (Prof. Dr. Jasperneite)

In dem Projektbüro, das derzeit in der Innenstadt eingerichtet wird, können sich die Bürger über den Fortgang des Projekts informieren, Workshops zu bestimmten Themen, wie z.B. Smart Parking, besuchen oder aber spontan vorbei schauen.

Wie Prof. Jasperneite hervorhob sind Mittelstädte für die Digitalisierung besonders gut geeignet, da hier, anders als in Millionenstädten, die Wege kurz sind und der Raum überschaubar ist. Fast 50 Prozent der Einwohner in NRW leben in Mittelstädten, womit Städte mit einer Einwohnerzahl zwischen 20.000 – 100.000 gemeint sind. Die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Projekt sollen nicht nur Lemgo, sondern auch den anderen Mittelstädten in NRW und in besonderer Weise in Ostwestfalen, wie Gütersloh, Detmold, Minden und Herford, in Form sog. Best Practices zu gute kommen.

Der Minister für Wirtschaft und Digitalisierung in NRW, Prof. Dr. Andreas Pinkwart, lobte die Region Ostwestfalen-Lippe gleich mehrmals.

Prof. Dr. Andreas Pinkwart in Lemgo, Foto: Lemgo Digital

Die große Anzahl sog. Hidden Champions, der Spitzencluster it’s OWL, und die Smart Factory in Lemgo zeigen, dass die Region technologisch Vorreiter ist – mit Vorbildfunktion für ganz NRW.

Lemgo Digital macht das Internet der Dinge für die Bürgerinnen und Bürger praktisch erfahrbar und zeigt, wie die Digitalisierung Alltagsprobleme lösen kann. Die Rahmenbedingungen hier passen ebenso gut zu diesem Projektvorhaben wie das fachliche Profil der Lemgoer Fraunhofer-Wissenschaftler. Und mit intelligenten technischen Systemen kennt man sich in Ostwestfalen Lippe ja sehr gut aus. (Prof. Dr. Andreas Pinkwart)

Im Gegensatz zum Zeitalter der Massenproduktion, wofür das legendäre Model T von Ford sinnbildlich ist, besteht heute mit der Digitalisierung die Möglichkeit, Produkte und Services zu individualisieren, d.h. ganz auf die Bedürfnisse des Kunden abzustimmen – wie beim 3D-Druck. Die Unternehmen müssen nicht mehr aufwendige Marktforschung betreiben und hoffen, die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden grob zu treffen und mit Marketing den Rest zu besorgen; heute ist es möglich, die Kunden schon in der Entwicklungsphase einzubinden.

Im Anschluss übergab Minister Pinkwart den Zuwendungsbescheid an Prof. Jasperneite. Die gesamten Mittel belaufen sich auf 2,6 Mio. Euro. Die erste Rate beträgt 0,5 Mio. Euro.

Minister Pinkwart überreicht den Zuwendungsbescheid an Prof. Jasperneite. Foto: Fraunhofer IOSB-INA

Der Projektleiter, Jens-Peter Seick, gab zum Schluss noch einen Überblick der nächsten Schritte/Meilensteine. Derzeit wird an einem Prototyp (App) für den Öffentlichen Personennahverkehr gearbeitet, der den Bürgern die Bus-Wartezeiten verkürzen soll. Der Prototyp soll im Sommer zur Verfügung stehen. Weitere Prototypen sind im Bereich Smart Parking (Stadtwerke, Phoenix Contact, Vodaphone) und Umwelt (Stadtwerke, Phoenix Contact, Krohne) und Handel (Lemgo Marketing, POS Tuning) geplant bzw. befinden sich in der Umsetzung.

Wir werden sehen, welche neuen Geschäftsmodelle aus Lemgo Digital hervorgehen, die den Bürgern den Alltag erleichtern. Der erste Meilenstein wurde heute gesetzt.

In einem Gespräch mit dem WDR hat Prof. Jasperneite das Projekt näher erläutert.

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