Westfälische Wirtschaft 2018: Durchwachsene Bilanz

Von Ralf Keuper

Die Bilanz der westfälischen Wirtschaft fällt für das Jahr 2018 eher durchwachsen aus. Damit ist nicht gemeint, dass die Wirtschaft unserer Region schwächelt oder kurz davor ist, in eine Rezession abzugleiten. Was das betrifft, weicht die Situation in Westfalen nicht von der im ganzen Bundesgebiet ab. Jedoch sind einige Signale kaum noch zu übersehen, die darauf hin deuten, dass die westfälische Wirtschaft (wie im ganzen Land) einen Wandlungprozess durchläuft, dessen wesentlicher Treiber die viel zitierte Digitalisierung ist. Hinzu kommen noch eher typische Merkmale, wie Missmanagement, verändertes Nachfrageverhalten oder der Markteintritt neuer, aggressiver  Mitbewerber.

Textilindustrie und Möbelhandel geraten durch das Internet immer stärker unter Druck

Dass der E-Commerce-Handel den Einzelhändlern stark zusetzt, ist keine neue Erkenntnis. Jedoch tritt die Entwicklung, sofern der Eindruck nicht täuscht, in eine neue Phase ein. Zu spüren bekommen das die westfälischen Textilhersteller (Vgl. dazu: Westfälische Textilindustrie in schwierigem Fahrwasser). Besonders hart getroffen hat es die Gerry Weber AG in Halle, die quasi in letzter Minute vor der Insolvenz gerettet werden konnte. Als Grund für die schlechte Ertragssituation und die rückläufigen Umsätze nennt das Unternehmen den Internethandel.

Nicht viel besser ist die Lage im Möbelhandel (Vgl. dazu: Konsolidierung im Möbelhandel erfasst westfälische Unternehmen). Vor wenigen Monaten wurde das Möbelhaus Finke in Paderborn von der Berliner Höffner-Gruppe übernommen. Ohne Übernahme wäre das Unternehmen wohl schon bald in eine Insolvenz geschlittert. Das Stammhaus in Paderborn wird im nächsten Jahr dem Erdboden gleich gemacht. Eine Fortführung erschien dem neuen Eigentümer als unwirtschaftlich. Schwer zu schaffen macht den Möbelhändlern der Internet-Handel.

Dem Textilhandel in Südwestfalen stehen harte Zeiten bevor (Vgl. dazu: Textilhandel unter Druck).

Diebold Nixdorf stellt sich zum Verkauf 

Dei Geschäftsentwicklung beim Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen Diebold Nixdorf blieb auch nach der Fusion weit hinter den Erwartungen zurück. Das Unternehmen sieht sich daher veranlasst, sich selbst zum Verkauf zu stellen (Vgl. dazu: Diebold Nixdorf: Das letzte Kapitel wird eingeläutet). Die wachsende Verbreitung mobiler und online-Bezahlverfahren sorgt für eine sinkende Nachfrage nach Geldautomaten und elektronischen Kassensystemen. Sollten demnächst Supermärkte ohne Kassierer Realität werden, wie mit Amazon Go, dann wird sich die ohnehin schon schwierige Situation von Diebold Nixdorf, weiter verschärfen.

Massiver Personalabbau bei Demag, Kettler, BJB Arnsberg und Dura 

Der Kranhersteller Demag will die Zahl der Mitarbeiter in seinem Werk in Wetter bis Ende nächsten Jahres um 300 reduzieren (Vgl. dazu: Kranhersteller Demag baut 300 Arbeitsplätze ab). Beim Lichttechnik-Hersteller BJB in Arnsberg fällt demnächst ein Viertel der Arbeitsplätze weg (Vgl. dazu: BJB Arnsberg entlässt 112 Mitarbeiter). Das Unternehmen habe, so der Betriebsrat, zu spät auf die LED-Technologie umgestellt. Der Hersteller von Freizeitgeräten und E-Bikes, Kettler, konnte die Fortführung seiner Geschäftstätigkeit sichern. Jedoch muss jeder dritte Mitarbeiter das Unternehmen verlassen (Vgl. dazu: Kettler streicht jede dritte Stelle). Der Automobilzulieferer Dura wird seine Werke in Plettenberg und Iserlohn schließen (Vgl. dazu: 500 Dura-Klagen am Arbeitsgericht).

Miele muss sparen

Der Gütersloher Haushaltsgerätehersteller will in den nächsten Jahren 100 Millionen Euro einsparen. Dabei setzt die Unternehmensleitung u.a. auf den Rat von McKinsey (Vgl. dazu: Miele: McKinsey kommt). Der Absatz der hochpreisigen Geräte ist rückläufig. Mitbewerber wie Samsung und Haier bringen Geräte auf den Markt, die sich in Sachen Qualität und Haltbarkeit kaum noch von den Miele-Ereugnissen unterscheiden, jedoch zu einem deutlich geringeren Preis.

Bertelsmann tritt weiter auf der Stelle

Europas größter Medienkonzern Bertelsmann tritt weiter auf der Stelle. Die Pläne, einen Teil von arvato zu verkaufen, wurden ad acta gelegt. Die potenziellen Käufer waren offenbar nicht gewillt, den stolzen Preis von 800 Millionen Euro zu zahlen. Bei RTL, der wichtigsten Konzerntochter, ging die langjährige Chefin, Anke Schäferkordt, überraschend von Bord. Das Geschäft leidet unter den Streaming-Diensten, wie Netflix und YouTube. Bertelsmann/RTL haben dem nicht viel entgegen zu setzen.

Kostal und SMS Group bauen Personal ab

Die bis dato südwestfälischen Vorzeigeunternehmen Kostal und SMS Group haben in diesem Jahr vor allem mit negativen Meldungen auf sich aufmerksam gemacht. So teilte Kostal mit, bis Ende 2019 an seinen Standorten im Sauerland 330 Arbeitsplätze abzubauen. Beim Anlagenbauer SMS Group sind es gar 650 Arbeitsplätze, die in den kommenden drei Jahren abgebaut werden sollen.

Andere, erfreulichere Meldungen kommen von Technologieunternehmen, die im Bereich der Industrie 4.0 tätig sind, wie die Hersteller elektronischer Verbindungstechnik.

Phoenix Contact, Beckhoff, Wago, Harting und Weidmüller eilen von einem Rekord zum nächsten

Seit Jahren schon laufen die Geschäfte der Phoenix Contact, Beckhoff, Wago, Harting und Weidmüller ausgesprochen gut, wie die aktuellen Meldungen bestätigen:

Rethmann-Konzern setzt Expansion fort

Der Rethmann-Konzern aus Lünen setzt seine Expansion fort (Vgl. dazu: Westfälische Entsorger sortieren sich neu). Bei den Übernahmen ist Rethmann in Deutschland sogar Spitzenreiter (Vgl. dazu: Rethmann bei Übernahmen deutschlandweit an der Spitze).

Bei Hella läuft es rund

Gut laufen die Geschäfte beim Lippstädter Automobilzulieferer Hella (Vgl. dazu: Hella wächst und gedeiht). Im vergangenen Geschäftsjahr konnte der Umsatz um 7,2 Prozent auf 7,1 Mrd. Euro gesteigert werden.

Aumann, Voltabox, Ladefoxx und Mennekes setzen auf die Elektromobilität

Auch bei Unternehmen, die sich auf die Elektromobilität konzentrieren, laufen die Geschäfte rund. Dazu zählen Aumann aus Beelen, Voltabox aus Delbrück, Ladefoxx aus Gütersloh und Mennekes aus Kirchhundem.

adesso und Elmos – zwei Dortmunder Perlen

Die Dortmunder adesso AG, einer der größten IT-Dienstleister in Deutschland, wächst und wächst. Die Zahl der Mitarbeiter konnte zuletzt um 16% auf 3.100 gesteigert werden. Nicht viel anders verhält es sich mit dem Halbleiter-Hersteller Elmos. Erst vor wenigen Tagen konnte ein neuer Testbereich eingeweiht werden. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf 110 Mio. Euro. Es entstehen 50 neue Arbeitsplätze.

Amazon auf dem Weg zu einem der größten Arbeitgeber der Region

Die meisten Arbeitsplätze in Westfalen geschaffen hat in den letzten Jahren wohl der E-Commerce-Gigant Amazon (Vgl. dazu: Amazon in Westfalen). An den Standorten Werne, Dortmund und demnächst Oelde arbeiten bereits mehrere tausend Mitarbeiter. Tendenz: steigend.

Storck und Oetker entwickeln sich “ganz ordentlich”

Beim Süßwarenhersteller Storck in Halle und bei Oetker in Bielefeld geben die Geschäfte Anlass zur Freude. Storck will sich in Halle deutlich erweitern. Mittelfristig sollen dort 1.700 neue Arbeitsplätze entstehen (Vgl. dazu: Sieben Hektar Wald sollen für Storck-Vergrößerung weichen). Laut Oetker-Chef Albert Christmann wird das Jahr 2018 für Oetker “wirklich ordentlich” ausfallen (Vgl. dazu: »Alles im Rahmen der Unternehmenskultur«).

Bewertung

Die vorliegende Analyse, die natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität erhebt, zeigt dennoch, dass kaum noch ein Bereich der Wirtschaft von der zunehmenden Vernetzung und Mobilität ausgenommen ist. Am deutlichsten bekommt das der Einzelhandel zu spüren. Unternehmen, die zu spät auf diese Veränderung reagieren, wie Diebold Nixdorf, werden abgehängt. Auf der anderen Seite profitiert die Region von der Digitalisierung, wie die Beispiele der elektrischen Verbindungstechnik, Elektromobilität und Unternehmen wie adesso und Elmos zeigen. Sinnbildlich dafür ist sicherlich auch der Bau des Wilo Campus in Dortmund. Die Tatsache, dass Amazon auf dem Weg ist, einer der größten Arbeitgeber der Region zu werden (eigentlich ist es das schon), führt den Einfluss der Plattformökonomie vor Augen. Vor einigen Jahren schlug Bertelsmann das Angebot, sich mit 30 Prozent an Amazon zu beteiligen, aus. Heute ist Amazon um ein Vielfaches größer als Bertelsmann und hat die Gütersloher (nicht nur) im Buchhandel weit hinter sich gelassen. Selbst Premium-Hersteller wie Miele geraten in den Sog der großen digitalen Plattformen wie Samsung.

Wie Oetker, Storck und andere zeigen, sind die Chancen für die westfälische Wirtschaft nach wie vor groß. Unser Vorteil ist die große Branchenvielfalt. Wir sind nicht von einer Branche abhängig. Die große Zahl mittelständischer Unternehmen, die nicht selten Weltmarktführer sind, verleiht der hiesigen Wirtschaft die nötige Flexibilität und Dynamik. Hinzu kommt noch eine blühende Startup-Szene in Bielefeld, Dortmund, Paderborn, Witten, Bochum und Münster.

Dieser Beitrag wurde unter Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar