Von Industriekathedralen bis zur Serengeti – wie westfälische Fotografen die Kunstform prägten und prägen
Die Fotografie musste sich ihre Anerkennung als Kunstform mühsam erkämpfen. Jahrzehntelang galt sie den Hütern des kulturellen Kanons als bloßes Handwerk, als technische Reproduktion ohne künstlerischen Eigenwert. Erst als Kulturphilosophen wie Walter Benjamin begannen, sich mit der ästhetischen Dimension des Mediums auseinanderzusetzen, öffneten sich langsam die Türen der etablierten Kunstwelt. Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Gisèle Freund taten das Übrige: Sie zwangen Museen und Galerien, diese neue Kunstform ernst zu nehmen.
Westfalen blieb von dieser Entwicklung nicht unberührt. Im Gegenteil: Die Region brachte Fotografen hervor, die weit über ihre Grenzen hinaus Bedeutung erlangten – und sie tut es bis heute.
Die Grammatik der Industrie
Das wohl berühmteste Beispiel für westfälische Fotokunst von Weltrang sind Bernd und Hilla Becher. Das Ehepaar, das gemeinsam die Düsseldorfer Photoschule begründete, entwickelte mit seinen Industriefotografien nicht weniger als eine eigene visuelle Sprache. Ihre streng komponierten Aufnahmen von Fördertürmen, Wassertürmen, Gasometern und Hochöfen – jene „Kathedralen der Technik“, wie sie genannt wurden – folgten einer präzisen Grammatik: frontal, bei bedecktem Himmel, ohne Menschen, in Schwarzweiß. Was auf den ersten Blick wie nüchterne Dokumentation wirkt, entfaltet in der seriellen Anordnung eine eigentümliche Poesie des Verschwindens.
Bernd Becher, 1931 in Siegen geboren, fand seine erste Inspiration in der Industrielandschaft seiner Siegerländer Heimat. Dort, wo Hochöfen und Fördertürme das Landschaftsbild prägten, begann er jene Strukturen festzuhalten, die bald der Abrissbirne zum Opfer fallen sollten. Die Bechers bewahrten damit nicht nur Architekturgeschichte vor dem Vergessen – sie schufen ein Werk, das die zeitgenössische Fotografie nachhaltig beeinflusste. Wer sich ihrer Arbeit nähern möchte, findet im Dokumentarfilm „Bernd und Hilla Becher – Ein Portrait“ einen geeigneten Einstieg.
Frühe Pioniere
Die fotografische Tradition Westfalens reicht jedoch weiter zurück als bis zu den Bechers. Friedrich Hundt etwa wirkte bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Münster, vornehmlich als Porträtfotograf. In einer Zeit, als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, schuf er Bildnisse seiner Zeitgenossen und dokumentierte damit eine Epoche im Umbruch. Sein Vermächtnis würdigt seit 1991 die Friedrich-Hundt-Gesellschaft in Münster.
Auch das Fotoatelier Kuper hinterließ einen bedeutenden Bestand, der unter anderem dem LWL-Museum für die Ausstellung „Bitte recht freundlich“ als Grundlage diente – ein Titel, der auf jene formelhafte Aufforderung anspielt, mit der Generationen von Fotografen ihre Kunden zum Lächeln brachten.
Zwischen Dokumentation und Experiment
Die westfälische Fotografieszene zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt aus. Brigitte Kraemer wurde für ihre Arbeiten mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Anneliese Kretschmer, Simone Demandt und Simone Nieweg erweiterten das Spektrum westfälischer Fotokunst um weitere Perspektiven und Handschriften.
Heinrich Brocksieper schlug einen anderen Weg ein: Er gilt heute als einer der Pioniere der Medienkunst – jener Disziplin, die die Grenzen zwischen Fotografie, Film und digitaler Kunst auflöst. Friz Pitz wiederum bewegte sich zwischen Fotografie und Malerei und erlangte damit Bekanntheit weit über die Region hinaus.
Eine Sonderstellung nimmt Carl Strüwe ein. Mit seinem Buch „Formen des Mikrokosmos“ begründete er die Kunst der Mikrofotografie als eigenständiges bildnerisches Fach. Strüwe richtete seine Kamera auf das Unsichtbare, auf jene Strukturen und Muster, die dem bloßen Auge verborgen bleiben. In seinen Aufnahmen von Kristallen, Pflanzenzellen und mikroskopischen Organismen offenbarte sich eine ästhetische Dimension, die der alltäglichen Wahrnehmung entgeht.
Fritz Henle schließlich erwarb sich durch seine konsequente Arbeit mit Rolleiflex-Kameras den Beinamen „Mr. Rollei“ – ein Titel, der von der innigen Beziehung zwischen Fotograf und Werkzeug zeugt.
Zeugnis ablegen: Die Tradition des Fotojournalismus
Dass Fotografie mehr sein kann als Kunst – nämlich Zeugnis und Anklage –, bewies Anja Niedringhaus. Die Fotojournalistin wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Pulitzer-Preis, der höchsten Ehrung im amerikanischen Journalismus. Ihre Bilder aus Kriegs- und Krisengebieten dokumentierten menschliches Leid mit einer Intensität, die niemanden unberührt ließ. Im April 2014 wurde sie in Afghanistan von einem Polizisten erschossen – ein Schicksal, das auf tragische Weise an die Gefahren erinnert, denen sich Fotojournalisten aussetzen, um der Welt die Augen zu öffnen.
Die Natur im Fokus
Eine besondere Stärke westfälischer Fotografen liegt in der Tier- und Naturfotografie. Fritz Pölking gilt als einer der Wegbereiter der modernen Tierfotografie in Europa. Klaus Nigge wurde für seine Tier- und Naturaufnahmen bereits mehrfach ausgezeichnet. Hermann Hirsch aus Dortmund erhielt jüngst von der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen eine Ehrung für seine Arbeiten.
Zu den international erfolgreichsten westfälischen Tierfotografen der Gegenwart zählt Lars Beusker aus Oelde-Stromberg. Nachdem er bereits 2022 in New York als weltbester Wildtier-Fotograf ausgezeichnet wurde, konnte er diesen Erfolg 2023 wiederholen – eine außergewöhnliche Leistung in einem Feld, das von Fotografen aus aller Welt hart umkämpft ist.
Uwe Skrzypczak wiederum hat sich der Tierwelt der Serengeti verschrieben. Seine Aufnahmen aus der ostafrikanischen Savanne – atemberaubend ist hier kein zu großes Wort – führen den Betrachter in eine Welt, die den meisten Menschen für immer fremd bleiben wird.
Institutionen und Infrastruktur
Eine lebendige Fotografieszene braucht mehr als einzelne Talente. Sie braucht Institutionen, Archive und Netzwerke. In Westfalen finden sich davon einige. Das Bildarchiv Westfalen etwa ist eine wahre Fundgrube für alle, die sich für die visuelle Geschichte der Region interessieren. Der Verband der Berufsfotografen Westfalen organisiert jene, die ihren Lebensunterhalt mit der Fotografie bestreiten.
Die Liebe zum Werkzeug
Was wäre ein Fotograf ohne seine Kamera? Diese Frage führt zu einem Phänomen, das in Westfalen besonders ausgeprägt scheint: die Sammelleidenschaft für fotografische Apparate. Gernot Monzen aus Schloss Holte-Stukenbrock hat mehr als 1.000 analoge Kameras zusammengetragen. Seine besondere Zuneigung gilt dabei den Kameras der Firma Leidolf aus Wetzlar – jener Stadt, aus der auch die legendäre Leica stammt.
Dirk Böhling aus Detmold ging noch einen Schritt weiter: Er gründete das Lippische Kameramuseum, eine einzigartige Institution, die der Geschichte der Fototechnik gewidmet ist. Solche Sammlungen und Museen sind mehr als nostalgische Kuriositätenkabinette. Sie dokumentieren die technische Evolution eines Mediums, das unsere Art zu sehen und zu erinnern grundlegend verändert hat.
Ein vorläufiges Fazit
Die Fotografie in Westfalen lässt sich nicht auf einen Stil, eine Schule oder ein Thema reduzieren. Sie umfasst die strenge Industrieästhetik der Bechers ebenso wie die Porträtkunst des 19. Jahrhunderts, den engagierten Fotojournalismus ebenso wie die kontemplative Naturfotografie. Was diese disparaten Ansätze verbindet, ist vielleicht jene Mischung aus Beharrlichkeit und Präzision, die man – mit aller gebotenen Vorsicht gegenüber regionalen Stereotypen – als westfälisch bezeichnen könnte.
Die Geschichte ist dabei keineswegs abgeschlossen. Während die analoge Fotografie in Sammlungen und Museen bewahrt wird, entstehen neue Arbeiten, werden neue Preise vergeben, wachsen neue Talente heran. Die westfälische Fotografietradition ist keine museale Angelegenheit – sie ist lebendig.
