Der Weg der AVA Handelsgesellschaft vom Bielefelder Konsumverein zum heutigen Marktkauf erzählt von einer tiefgreifenden Transformation des deutschen Einzelhandels. Zwischen genossenschaftlichen Wurzeln und Marktkonzentration verliert sich eine regionale Handelsgeschichte, die exemplarisch für strukturelle Verschiebungen steht.
Die Geschichte regionaler Handelsunternehmen verschwindet oft geräuschlos. Fusionen, Umbenennungen, Eingliederungen in größere Strukturen lassen über Jahrzehnte gewachsene Identitäten erodieren. Die AVA Handelsgesellschaft in Bielefeld ist ein solcher Fall – ein Unternehmen, dessen Wurzeln bis 1892 zurückreichen und das heute in der Marktkauf-Struktur aufgegangen ist.
Der Bielefelder Konsumverein, aus dem später die AVA Allgemeine Handelsgesellschaft hervorging, entstand in einer Zeit, als Konsumgenossenschaften zu den bedeutendsten Wirtschaftsorganisationen gehörten. Diese Genossenschaften folgten einem anderen Modell als der private Handel: Mitgliederorientierung statt Gewinnmaximierung, regionale Verankerung statt Expansion um jeden Preis. Doch bereits in der Nachkriegszeit begann sich diese Logik zu verschieben.
Der strukturelle Wandel im deutschen Lebensmitteleinzelhandel beschleunigte sich in den 1960er und 1970er Jahren dramatisch. Die Einführung der Selbstbedienung, die Entstehung von Verbrauchermärkten und die zunehmende Automobilisierung veränderten nicht nur Einkaufsgewohnheiten, sondern erzwangen neue Unternehmensformen. Als AVA 1971 mit Marktkauf in Osnabrück und Bielefeld ihre ersten SB-Warenhäuser eröffnete, vollzog das Unternehmen einen Schritt, den viele regionale Handelsunternehmen in dieser Phase gingen: die Anpassung an ein Format, das Skalierung und Standardisierung erforderte.
Marktkauf entwickelte sich zur tragenden Säule des Unternehmens. Die verschiedenen Tochtergesellschaften und Geschäftsbereiche der AVA bildeten ein für Handelsverbände typisches Konglomerat – ein Versuch, durch Diversifikation Marktpositionen zu sichern und gleichzeitig regionale Strukturen zu bewahren.
Als Klaus Daudel 1985 in den AVA-Vorstand berufen wurde und 1989 den Vorsitz übernahm, stand das Unternehmen bereits unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Die großen Handelskonzerne expandierten, Discounter gewannen Marktanteile, und regionale Akteure mussten ihre Strategien überdenken. Daudel, der auch als Geschäftsführer von Marktkauf fungierte, verkörperte in dieser Phase einen Managertypus, der sich durch Eigenständigkeit auszeichnete.
Sein Rücktritt 1997 wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsstrategie“ markiert einen Wendepunkt, der symptomatisch für die damalige Situation vieler mittelgroßer Handelsunternehmen war. Die Frage, ob man als regionaler Akteur eigenständig bleiben oder in größere Strukturen integriert werden sollte, war in dieser Dekade existenziell.
Ein Blick auf vergleichbare Unternehmen zeigt die Dramatik dieser Phase: Die ASKO in Saarbrücken, ebenfalls aus einem Konsumverein des 19. Jahrhunderts hervorgegangen (gegründet 1880), hatte bereits 1996 mit der Metro AG fusioniert. Die saarländische Handelsgenossenschaft, die in den 1980er und 1990er Jahren mit SB-Warenhäusern, Kaufhäusern und Baumärkten weit über das Saarland hinaus expandiert war, entschied sich für die schnelle Integration in einen kapitalmarktorientierten Großkonzern. Die AVA wählte einen anderen, langsameren Weg – aber nicht grundsätzlich verschieden im Ergebnis.
Die spätere Entwicklung von AVA zu Marktkauf und schließlich die Eingliederung in die EDEKA-Gruppe folgt einem Muster, das im deutschen Lebensmitteleinzelhandel weit verbreitet ist. Die Konzentration auf einzelne Vertriebslinien, die Aufgabe historischer Firmennamen und die Integration in genossenschaftliche Großstrukturen haben die Handelslandschaft grundlegend verändert. Was einst als eigenständiges Unternehmen mit lokaler Identität begann, ist heute Teil eines komplexen Geflechts aus Genossenschaften, Großhandel und Vertriebslinien.
Interessant ist dabei, dass die genossenschaftliche Form formal überdauert hat – EDEKA ist selbst genossenschaftlich organisiert. Doch die ursprüngliche Idee der Konsumgenossenschaften, deren Mitglieder zugleich Kunden und Eigentümer waren, hat sich in Strukturen transformiert, die eher klassischen Handelskonzernen ähneln. Die demokratischen Elemente sind formalisiert, die Marktlogik dominiert das operative Geschäft.
Die AVA-Geschichte wirft Fragen auf, die über den Einzelfall hinausweisen: Wie viel regionale Eigenständigkeit ist im konzentrierten Lebensmittelhandel noch möglich? Welche Alternativen hatten Unternehmen wie AVA in den 1990er Jahren tatsächlich? Und was bedeutet der Verlust regionaler Handelsidentitäten für die wirtschaftliche Vielfalt?
Auch Daudels späteres Engagement beim DSC Arminia Bielefeld fügt sich in die Geschichte regionaler Wirtschaftseliten ein, für die lokale Sportvereine traditionell eine Rolle als gesellschaftlicher Anker spielen.
Was von AVA bleibt, ist mehr als eine Fußnote: Es ist ein Beispiel für die Transformation einer gesamten Unternehmensform. Der Weg vom Konsumverein zur Handelsgesellschaft zur Vertriebslinie dokumentiert einen über hundert Jahre währenden Prozess struktureller Anpassung. Die Geschichte mag verschwinden, aber die Mechanismen, die sie hervorgebracht haben, prägen den deutschen Handel bis heute.
