Der sächsische Landtag zu Marklo – das erste Parlament der Geschichte?

Von Ralf Keuper

Seine wahre Bedeutung als Versammlungsort der alten Sachsen ist nach wie vor umstritten – gemeint ist Marklo.

Als erster und bisher auch einziger Autor erwähnte der Heilige Lebuin den Ort in seinen Lebensbeschreibungen. Einige Historiker halten die Vita Lebuin gar für unglaubwürdig und erdichtet. Das wiederum ist bei einer Zunft, aus deren Reihen einige Vertreter gar die Existenz Karls des Großen bezweifeln, nicht wirklich überraschend und damit auch kein letztgültiger Beweis. Jedoch sind Zweifel an der Überlieferung der eigentlichen Funktion von Marklo gewiss nicht völlig unberechtigt.

Der Historiker Hermann Rothert ging in seiner Westfälischen Geschichte so weit zu behaupten, bei Marklo handele es sich womöglich um das erste Parlament der Geschichte. Er schreibt:

Die stärkste Klammer des Sachsenreiches war der alljährlich zu Marklo, vielleicht Lohe an der Weser, Nienburg gegenüber, stattfindende Landtag; wir sind über ihn durch die Lebensbeschreibung des angelsächsischen Missionars Lebuin unterrichtet. Jeder der zahlreichen Sachsengaue – es sollen an die hundert gewesen sein – erkor aus seiner Mitte 12 Edelinge, 12 Freie und 12 Liten und entsandte sie mit dem Gaufürsten nach Marklo. Offensichtlich nahm der Landtag die Stelle der altgermanischen, auf enge Nachbarschaft zugeschnittenen Landesgemeinde ein; .. Eine einzigartige Erscheinung: in den übrigen germanischen Reichen verkümmerte mit der zunehmenden Bedeutung des Königtums allmählich die Landesversammlung; in Sachsen vermochte sie dank dem Übergang zum Repräsentativsystem sich als Träger der höchsten Gewalt zu behaupten. Nicht mit Unrecht hat man den sächsischen Landtag zu Marklo das erste Parlament der Geschichte genannt. … Im Jahre 782 fand mit dem Verbote des Frankenkönigs, in Sachsen Versammlungen abzuhalten, der Landtag zu Marklo sein Ende.

Mag sein, dass der sächsische Landtag in seiner Bedeutung überbewertet wird – gleichwohl bleibt der entscheidende logische Widerspruch in der Argumentation derer, die ihn ohnehin für eine Fiktion halten, dass Karl der Große sich zu einem Versammlungsverbot genötigt sah. Das muss schon mehr als nur eine Versammlung unter freiem Himmel mit keinerlei politischer Funktion gewesen sein.

Die Bezeichnung „erstes Parlament der Geschichte“ halte ich dagegen für weit überzogen.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.