Selm liegt dort, wo das Münsterland in den Rand des Ruhrgebiets übergeht – Kreis Unna, eher unscheinbar auf der Landkarte, sicher keine Adresse, die man mit einem der größten Familienunternehmen Deutschlands verbindet. Genau das ist der erste Punkt, der auffällt: Wer nach RETHMANN sucht, muss suchen. Kein Logo an der Autobahn, kein Name, der im Alltag präsent ist wie der eines Automobilherstellers. Und doch steckt hinter diesem stillen Namen eine Gruppe, deren Reichweite von der Mülltonne vor der eigenen Haustür bis zur Straßenbahn in einer fremden Stadt reicht.

Diese Unauffälligkeit hat Tradition im Westfälischen. Wo im Rheinland gerne repräsentiert wird, wird hier gearbeitet – und der Erfolg spricht, wenn überhaupt, in Zahlen, nicht in Auftritten. RETHMANN passt in diese Reihe: 1934 gegründet, bis heute in Familienhand, über die RETHMANN SE & Co. KG als Holding geführt, mit der Familie Rethmann selbst an der Spitze – Klemens Rethmann als Vorstandssprecher, Ludger Rethmann im Vorstand, Dr. Martin Rethmann als Aufsichtsratsvorsitzender, Georg Rethmann als sein Stellvertreter. Norbert Rethmann, der das Unternehmen über Jahrzehnte geprägt hat, ist inzwischen Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats – eine Konstellation, wie man sie iin Westfalen immer wieder findet: Kontinuität wird nicht behauptet, sondern schlicht fortgeführt.


Vier Geschäfte, ein Dach

Was die Gruppe von vielen anderen Familienunternehmen der Region unterscheidet, ist die Breite ihrer Aufstellung. Unter dem Holding-Dach agieren vier Unternehmensgruppen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben:

  • REMONDIS – Recycling, Entsorgung, Wasserwirtschaft, industrielle Dienstleistungen und alternative Energieträger. Der Teil der Gruppe, der den meisten Menschen tatsächlich begegnet, meist ohne dass sie den Namen dahinter kennen.
  • Rhenus – internationale Logistik: Lager-, Kontrakt- und Supply-Chain-Lösungen, Transporte auf Straße, Schiene, Wasser und in der Luft, Zollabwicklung, Branchenlösungen für Automotive, Healthcare, Chemie und Hightech.
  • SARIA – Verarbeitung tierischer Nebenprodukte und organischer Reststoffe zu Produkten für Tierernährung, Landwirtschaft, Pharma und Bioenergie. Der vermutlich unbekannteste, aber wirtschaftlich keineswegs unbedeutendste Zweig.
  • Transdev – öffentlicher Personenverkehr in zahlreichen Ländern: Busse, Bahnen, Straßenbahnen, Fähren, Seilbahnen.

Vier Geschäftsfelder, die sich auf den ersten Blick kaum zu einer Erzählung fügen wollen. Auf den zweiten Blick eint sie ein gemeinsamer Nenner, der eher unter der Oberfläche liegt: Infrastruktur, die gebraucht wird, unabhängig von Konjunktur und Mode – Abfall, Transport, Reststoffe, Mobilität. Themen, die selten Schlagzeilen machen, aber dauerhaft Nachfrage erzeugen. Ob sich daraus tatsächlich eine bewusste Konzernstrategie ablesen lässt oder ob es sich eher um das Ergebnis einzelner, über Jahrzehnte gewachsener Entscheidungen handelt, bleibt an dieser Stelle offen – belastbar beurteilen ließe sich das erst mit Einblick in die strategische Planung der Holding selbst.

Die größte Nummer im Land, die kaum einer kennt

Zur Einordnung gehört eine Zahl, die im Alltag selten fällt: Mit rund 210.000 Beschäftigten und einem Konzernumsatz von zuletzt rund 35 Milliarden Euro ist RETHMANN mittlerweile das mit Abstand größte Familienunternehmen Westfalens – mit weitem Abstand sogar vor dem Medienkonzern Bertelsmann aus Gütersloh, der lange als die westfälische Nummer eins galt. Der Sprung auf 35 Milliarden erklärt sich dabei nicht allein aus organischem Wachstum, sondern vor allem aus der Bilanzierung: Seit RETHMANN seinen Transdev-Anteil 2025 von 34 auf 66 Prozent erhöht hat, fließt der französische Mobilitätskonzern – mit gut 10 Milliarden Euro eigenem Umsatz – deutlich stärker in die Konzernzahlen ein als zuvor, als noch knapp 25 Milliarden Euro ausgewiesen wurden. Während Bertelsmann beim Umsatz seit Jahren um die 19 bis 20 Milliarden Euro pendelt und die Beschäftigtenzahl – nicht zuletzt durch den Verkauf des Callcenter-Geschäfts Majorel – spürbar zurückgegangen ist, ist RETHMANN in die entgegengesetzte Richtung gewachsen, zuletzt maßgeblich durch eben diese Aufstockung bei Transdev. Zwei westfälische Familienunternehmen, zwei sehr unterschiedliche Kurven: das eine im Kerngeschäft unter Konsolidierungsdruck, das andere auf dem Weg zum größten familiengeführten Infrastrukturkonzern des Landes – und beide, jedes auf seine Weise, ein Beleg dafür, dass sich wirtschaftliche Bedeutung in dieser Region selten an der Bekanntheit des Namens ablesen lässt.

Der Schritt nach Frankreich

Der jüngste größere Ausbau zeigt, dass die Gruppe ihre Reichweite auch geografisch weiterdenkt. 2019 stieg RETHMANN mit 34 Prozent bei Transdev ein, dem französischen Betreiber öffentlichen Verkehrs. Im Juli 2025 kam die Meldung, dass weitere 32 Prozent von der staatlichen Caisse des Dépôts übernommen wurden – RETHMANN hält damit nach eigenen Angaben 66 Prozent, während die Caisse des Dépôts mit 34 Prozent beteiligt bleibt. Ein westfälisches Familienunternehmen als Mehrheitseigner eines der großen europäischen Mobilitätsbetreiber: Das ist, bei aller gebotenen Zurückhaltung gegenüber vorschnellen großen Linien, schon eine bemerkenswerte Verschiebung – vom Entsorger und Logistiker hin zu einem Akteur, der öffentliche Infrastruktur in fremden Ländern mitbetreibt.

Wachstum ohne Börsengang

Bemerkenswert ist auch der Weg, auf dem diese Größe erreicht wurde. Kein Börsengang, keine Publikumsgesellschaft, keine Quartalsberichte für anonyme Aktionäre. Stattdessen: Übernahmen, Beteiligungen, der schrittweise Aufbau spezialisierter Tochtergesellschaften – REMONDIS aus der Entsorgung heraus, Rhenus als internationaler Logistikkonzern, SARIA in der Reststoffverwertung, zuletzt Transdev im öffentlichen Verkehr. Eine Wachstumslogik, die eher auf langem Atem als auf schnellem Kapitalmarkterfolg beruht – man könnte es westfälische Beharrlichkeit im Großen nennen, wenn man dem Klischee einen Gefallen tun wollte. Näher an der Sache liegt vermutlich die nüchterne Feststellung: Eigentümerkontrolle über Generationen hinweg erlaubt Entscheidungen mit langem Zeithorizont, die eine börsennotierte Gesellschaft in dieser Form kaum träfe.

Damit bleibt die Gruppe auch anfällig – Regulierung, kommunale Aufträge, Rohstoff- und Energiepreise, Investitionszyklen wirken auf alle vier Säulen unterschiedlich, aber gleichermaßen unmittelbar. Die Breite der Aufstellung schützt nicht vor diesen Abhängigkeiten, sie verteilt sie lediglich auf mehr Schultern. Ein Familienunternehmen aus Selm, das in Frankreich Straßenbahnen mitbetreibt: Das ist, im besten westfälischen Sinne, eine Geschichte, die man eher aus den Zahlen als aus der Selbstdarstellung erfährt.

Ralf Keuper


Quellen

Von Rolevinck

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