Die bedenkliche Pfadabhängigkeit des IT-Standorts Paderborn

Von Ralf Keuper

Nicht erst die Meldungen über die bevorstehende Übernahme von Wincor Nixdorf durch Diebold und die Ankündigung von Fujitsu, seinen Standort in Paderborn im nächsten Jahr zu schließen, verdeutlichen die Pfadabhängigkeit von Stadt und Region Paderborn von der Informationstechnologie (IT). Pfadabhängigkeit im vorliegenden Fall meint, dass eine Region über einen langen Zeitraum von einer Branche geprägt wird und damit von dem Wohl und Wehe einiger großer Unternehmen abhängig ist. Das Ruhrgebiet mit seiner Montanindustrie wird hierfür gerne als Paradebeispiel herangezogen. Aber auch die Automobilindustrie kann und muss man mittlerweile dazu zählen.

In Paderborn setzte der Siegeszug der Informationstechnologie mit dem rasanten Aufstieg der Nixdorf Computer AG ein. Auf seinem Höhepunkt beschäftigte das Unternehmen fast 10.000 Mitarbeiter in Paderborn. Bereits Unternehmensgründer und Computerpionier Heinz Nixdorf, dem sich die Stadt zu Recht sehr verbunden fühlt, verpasste bzw. ignorierte den Wandel zum Personal Computer. Die mittlere Datentechnik, mit der Nixdorf einst die IT revolutionierte, war an ihr Ende gelangt. Ebenso wie Nixdorf unterschätzten die Entwicklung Ken Olson von DEC und An Wang von Wang Computer. In seinem bahnbrechenden Buch The Innovator’s Dilemma brachte Clayton Christensen u.a. Nixdorf, DEC und Wang als Beispiele von Unternehmen, die Opfer ihres eigenen Erfolges wurden.

Als die Nixdorf Computer AG im Jahr 1990 von Siemens übernommen wurde, hatte auch das Geschäftsmodell, d.h. die Kombination von Hardware (Geldautomaten, Kassensysteme) und Firmware, seinen Zenit überschritten. In den 1990er Jahren wurden zahlreiche Unternehmen ehemaliger Nixdorf-Mitarbeiter am Standort Paderborn gegründet. Parallel dazu wurde  Paderborn mit Orga Card ein wichtiger Standort für Smart Cards in Deutschland. Nach einer stürmischen Wachstumsphase geriet Orga Card in Schieflage. Massenentlassungen waren die Folge. Das, wenn man so will, Nachfolgeunternehmen, Orga Systems, musste erst vor wenigen Monaten Insolvenz anmelden; das Unternehmen wurde zwischenzeitlich von Redknee aus Kanada übernommen. Auch sonst waren am Heinz Nixdorf – Ring Meldungen über Entlassungen bzw. Personalabbau die Regel. Genannt seien Fujitsu-Siemens, Sagem Orga und Flextronics. Wincor Nixdorf war hier für Jahre die Ausnahme.

Auf der anderen Seite jedoch sind außerhalb des Nixdorf-Universums erfolgreiche IT-Unternehmen entstanden wie dSpace und Webwasher (mittlerweile McAfee).

Es scheint, als würde der IT-Standort Paderborn vornehmlich noch immer in Kategorien agieren wie zu Zeiten der Nixdorf Computer AG – Hardware mit Firmware. Der Trend hin zu mobilen Anwendungen und Open APIs ist weitgehend an Paderborn vorbei gegangen. Aufstrebende Startups sind, nicht nur hier, Mangelware. Kurzum: Dem IT-Standort Paderborn mangelt es an echter Diversität. Stattdessen Monostruktur und viel vom Gleichen.

Vielleicht kann ja it’s OWL eine Gründungswelle auslösen. Sie wird dringend benötigt, um die erwähnte Pfadabhängigkeit zu überwinden, wenigstens aber zu mildern.

Weitere Informationen:

Die Geschichte der Softwarebranche in Deutschland 

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