Westfalen-Blatt zur Übernahme von Wincor-Nixdorf: Verwirrung in der Redaktionsstube

Von Ralf Keuper

Es ist schon irgendwie bemerkenswert, wie bemüht einige Journalisten sind, auch noch die größte Niederlage in einen vermeintlichen Sieg umzudeuten. Besonders eindrücklich führt dieses „Kunststück“ das Westfalen-Blatt in dem Kommentar zur bevorstehenden Übernahme von Wincor Nixdorf durch den Konkurrenten Diebold vor Augen.

Da wird der Eindruck erweckt, als wäre Wincor Nixdorf heiß begehrt und der amerikanische Diebold-Konzern daher bereit, auch einen Preis zu bezahlen, der deutlich über dem Börsenkurs der letzten Wochen und Monate liegt. Kein Wort davon, dass der Vorstandsvorsitzende von Wincor Nixdorf, Heidldoff, noch vor wenigen Monaten Spekulationen über eine Übernahme eine klare Absage erteilte und keinerlei Notwendigkeit für eine Marktkonsolidierung erkennen wollte. Stattdessen betonte der Wincor-Chef immer wieder, dass WN eigenständig bleibe.

Der ganze Kommentar ist ein seltsames Gebräu sich widersprechender Aussagen. Da ist von Sicherheit die Rede, welche die Übernahme durch Diebold für die Mitarbeiter bedeute – tatsächlich? So wie seinerzeit bei der Übernahme der Nixdorf Computer AG durch Siemens etwa? Gehts noch?

Fakt ist, dass die Unternehmensführung von Wincor Nixdorf den Branchentrend in Richtung zunehmender Digitalisierung seit Jahren verschlafen hat. Das Geschäftsmodell von Wincor Nixdorf, aber auch von Diebold und NCR, funktioniert nicht mehr. Die Banken als ihre Hauptkunden, haben selber den Trend verschlafen und drohen auf den Rang bloßer Zulieferer von Apple, Amazon, Google, Alibaba, Samsung und Co. reduziert zu werden. Da bleibt auch für einen Diebold Nixdorf – Konzern nicht mehr allzu viel Platz. Der Siegeszug mobiler Bezahlverfahren wird den Bedarf nach Lösungen, wie sie Wincor Nixdorf, Diebold oder NCR im Angebot haben, weiter sinken lassen. Insofern beginnt jetzt der Schrumpfungsprozess. Was das für die Arbeitsplätze in Paderborn bedeutet …

Der Name Nixdorf, danach sieht es aus, verschwindet bald vollständig aus der Unternehmenswelt. Das manager magazin sprach in seiner Juni-Ausgabe nicht zu Unrecht von dem zweiten Untergang von Nixdorf. Dass noch als Erfolg verkaufen zu wollen, dafür bedarf es in der Tat sehr viel Vorstellungskraft.

Wie ernst es um den IT-Standort Paderborn derzeit bestellt ist, berichtet das Westfalen-Blatt ebenfalls heute in 600 Mitarbeiter sollen bis September 2016 ihren Job verlieren. Fujitsu Technologies schließt Standort. (Damit widerlegt sich der Kommentar selbst) Auch Fujitsu ist übrigens noch ein Erbe der Nixdorf-Ära, so wie Flextronics und jetzt Periscope. Die Tendenz, d.h. die Zahl der Arbeitsplätze, zeigt dort über die Jahre durchgängig nach unten.

Vor einigen Monaten meldete Orga System Insolvenz an. Das Unternehmen wurde zwischenzeitlich von dem kanadischen Unternehmen Redknee übernommen.

Sieht ganz so aus, als müsste die Erfolgsgeschichte des IT-Standorts Paderborn bald umgeschrieben werden. Die „Pfandabhängigkeit“ von Stadt und Region von der IT, bzw. einer bestimmten Ausprägung davon (Hardware, Firmware, Smart Card), könnte das WB durchaus mal diskutieren.

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