Als Christian Rath 1858 im fürstbischöflichen Schloss von Sassenberg eine Dampfspinnerei einrichtete, begann eine Industriegeschichte, die aus münsterländischen Dörfern ein europäisches Zentrum für Plüsch und Wollverarbeitung machte. Hundert Jahre später war alles vorbei. Die Geschichte von Gebrasa, Kreimer und Brinkhaus ist mehr als nur Lokalkolorit – sie zeigt exemplarisch, wie die Mechanisierung, die einst den Erfolg begründete, später zur strategischen Falle wurde, als die notwendige Neuerfindung ausblieb.


Die Wollresidenz als Fabrik

1858 verwandelte Christian Rath ein Symbol feudaler Herrschaft in einen Produktionsort der industriellen Moderne. Die Ironie hätte kaum größer sein können: Das fürstbischöfliche Schloss in Sassenberg, einst Zentrum geistlicher und weltlicher Macht, wurde zur „Wollresidenz“ – angetrieben von einem 16-PS-Dampfkessel, der Spindeln für Streichgarne und Handstrickgarne in Bewegung setzte. Was als lokale Manufaktur begann, entwickelte sich binnen weniger Jahrzehnte zu einem überregional bedeutsamen Unternehmen.

Die Gebr. Rath, später als „Gebrasa Wolle“ firmierend, standen exemplarisch für jenen Typus mittelständischer Industriepioniere, die das Münsterland im 19. Jahrhundert transformierten. Mit über 500 Mitarbeitern zu Spitzenzeiten, Werbetafeln an Bahnhöfen und Exportgeschäft wurde Sassenberg zum Synonym für Qualitätsgarn aus Schafswolle. Die Kammgarn-Spinnerei und Färberei existierte über ein Jahrhundert – eine Langlebigkeit, die im Kontrast zur Schnelllebigkeit heutiger Geschäftsmodelle geradezu anachronistisch wirkt.

Das Freckenhorster Netzwerk

Doch Sassenberg war kein Solitär. Die eigentliche Stärke der Region lag in ihrer Vernetzung. Freckenhorst, Warendorf und Sassenberg bildeten ein textiles Dreieck, in dem sich Kompetenzen ergänzten und Innovationen gegenseitig befruchteten. Zentral war dabei die Familie Kreimer aus Freckenhorst.

Josef Kreimer vollzog 1882 einen entscheidenden Schritt: Er beendete das traditionelle Verlagswesen – jene vormoderne Form der Textilproduktion, bei der Verleger Heimarbeiter mit Rohstoffen versorgten und die fertigen Produkte einsammelten – und gründete eine Faktorei mit 145 Handwebstühlen. Noch bedeutsamer war jedoch sein Schritt von 1894: die Einführung von 60 mechanischen Plüsch-Webstühlen, angetrieben von einer Lokomobile. Kreimer brach mit der Faktorei, um sich ganz der mechanisierten Produktion zu widmen.

Diese Mechanisierung war keine bloße technische Modernisierung, sondern ein fundamentaler ökonomischer Paradigmenwechsel. Die Produktion von gemustertem Plüsch, Blumenplüsch und Mokett – hochwertigem Wollplüsch für Möbel – wurde skalierbar und kosteneffizienter. Was zuvor Heimarbeit gewesen war, wurde Fabrikproduktion. Der Webstuhl wanderte aus den Bauernhäusern in die Hallen.

Parallel dazu eröffnete Brinkhaus 1898/99 ein Zweigwerk in Sassenberg mit zunächst 30 bis 80 Webern, das rasch auf 400 mechanische Webstühle expandierte. Die Spezialisierung auf Inlett ab 1909 – jenes dichte Baumwollgewebe für Federbetten, das als eleganter und marktfähiger galt als schlesische Konkurrenzprodukte – machte das Werk zu einem europäischen Marktführer.

Innovation durch regionale Arbeitsteilung

Die Stärke des münsterländischen Textilclusters lag in einer spezifischen Form der Arbeitsteilung: Gebrasa konzentrierte sich auf hochwertige Garne wie „Parcours-silver“ (Schurwolle mit Lurex) für Mode-Strickwaren. Kreimer und später dessen Sohn Theodor (der 1913 eigenständig „Theodor Kreimer“ gründete) spezialisierten sich auf Plüsch und Velours mit bis zu 750 Mitarbeitern und einer Tagesproduktion von 25.000 Metern. Brinkhaus dominierte das Inlett-Segment.

Diese Spezialisierung ermöglichte es, gemeinsam die Möbel-, Bahn- und Autoindustrie zu beliefern – Branchen, die im frühen 20. Jahrhundert boomten und textilen Input in großen Mengen benötigten. Die regionale Kooperation war dabei durchaus wettbewerbsfähig gegenüber anderen europäischen Textilzentren.

Bemerkenswert ist auch die Rolle der Unternehmerverflechtungen: Als 1891 Johann Zurwieden sen., Josef Kreimer und Theodor Sandhage gemeinsam „Zurwieden & Co“ (ZUCO) mit 16 Plüsch-Handwebstühlen gründeten, entstand ein Netzwerk, das typisch war für die regionale Industrialisierung. Kreimers Ausstieg 1894, um seine eigene mechanische Weberei aufzubauen, zeigt die Dynamik dieser Phase: Aus Partnerschaften entstanden neue Wettbewerber, aus Wettbewerb erwuchs Innovation.

Der lange Niedergang

Doch was über ein Jahrhundert Bestand hatte, kollabierte binnen weniger Jahre. 1981 stellte Gebrasa die Produktion ein – offiziell wegen „fehlender Konkurrenzfähigkeit“. Der Fokus verlagerte sich auf den bloßen Wollhandel. Die 1990er Jahre brachten dann das „Textilsterben“, das die gesamte Region traf. 1993 war auch Kreimer Geschichte.

Die übliche Erklärung – Globalisierung, Billigimporte aus Asien, zu hohe Lohnkosten – greift zu kurz. Sie beschreibt nur das Symptom, nicht die Ursache. Denn andere europäische Textilregionen, etwa in Norditalien, überlebten durch Spezialisierung auf Luxussegmente, technische Textilien oder radikale Automatisierung.

Was in Sassenberg, Freckenhorst und Warendorf fehlte, war die rechtzeitige strategische Neuausrichtung. Die Betriebe verharrten zu lange in etablierten Geschäftsmodellen. Die Standardprodukte – Plüsch für Möbel, Inlett für Betten, Garne für Strickwaren – waren austauschbar geworden. Als die Möbelindustrie in den 1970er Jahren zu Kunstfasern wechselte, als Bettdecken Federbetten verdrängten, als Konfektionsware aus Fernost die heimische Strickwarenproduktion untergrub, brachen die Absatzmärkte weg.

Die Mechanisierung, die im späten 19. Jahrhundert den Aufschwung ermöglicht hatte, wurde im späten 20. Jahrhundert zur Falle: Man hatte in Maschinen investiert, die für bestimmte Standardprodukte optimiert waren. Eine Umstellung auf Spezialitäten oder technische Textilien hätte neue Investitionen erfordert – und einen unternehmerischen Mut, der offenbar fehlte.

Lehren einer regionalen Deindustrialisierung

Die Geschichte der münsterländischen Textilindustrie ist keine Anekdote, sondern ein Musterfall. Sie zeigt, wie regionale Cluster entstehen, wie sie blühen – und wie sie sterben. Die Erfolgsfaktoren der Gründerzeit – regionale Vernetzung, komplementäre Spezialisierung, mechanische Innovation – wurden nicht in die nächste Epoche übersetzt.

Wo im 19. Jahrhundert der Mut zur Dampfmaschine den Unterschied machte, wäre im 20. Jahrhundert der Mut zu radikaler Produktinnovation nötig gewesen. Doch mittelständische Strukturen, die in stabilen Märkten Stärke bedeuten, können in disruptiven Phasen zur Schwäche werden: Zu viel ist investiert, zu viel hängt am Bewährten, zu wenig Kapital steht für riskante Neuausrichtungen zur Verfügung.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Industriegeschichte keine lineare Erfolgsgeschichte ist. Christian Rath, der 1858 das Schloss zur Wollresidenz machte, schuf etwas Dauerhaftes – aber nichts Ewiges. Die Mechanisierung war ein Fortschritt, der irgendwann überholt wurde.

Die regionale Vernetzung war eine Stärke, die zur Abhängigkeit werden konnte.
Sassenbergs Dampfspinnerei steht heute nicht mehr. Aber ihre Geschichte sollte präsent bleiben – als Mahnung gegen industriepolitische Nostalgie und als Erinnerung daran, dass wirtschaftliche Strukturen nur so lange tragen, wie sie sich wandeln können.


Quellen:

Gebrasa.de Historie: Detaillierte Firmengeschichte von Gebr. Rath/Gebrasa Wolle seit 1858, inklusive Dampfantrieb und Produkte.
https://www.gebrasa.de/historie/

Heimatverein Warendorf – Textilindustrie Warendorf: Überblick über regionale Textilbetriebe, Gründungen, Mechanisierung (Rath, Brinkhaus, Kreimer) vor 1990.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/geschichte/textilindustrie-warendorf-29-10-16.php

Heimatverein Warendorf – Firma Josef Kreimer: Gründung 1882/1894, Übergang zu 60 mechanischen Webstühlen, Plüsch-Produktion.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/textilstadt/freckenhorst/firma-josef-kreimer.php

Heimatverein Warendorf – Theodor Kreimer: Nachfolgefirma 1913, Veloursweberei bis 750 Mitarbeiter.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/textilstadt/freckenhorst/theodor-kreimer.php

Heimatverein Warendorf – Brinkhaus Geschichte II: Zweigwerk Sassenberg 1898, 400 mechanische Webstühle für Plüsch.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/textilstadt/brinkhaus-geschichte-2-.php

Heimatverein Warendorf – ZUCO Zurwieden & Co: Gründung 1891 mit Josef Kreimer, 16 Handwebstühle.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/textilstadt/freckenhorst/zuco-zurwieden.php

Heimatverein Warendorf – Ausstellung Kette und Schuss: Regionale Innovationen wie Inlett-Plüsch.
https://www.heimatvereinwarendorf.de/geschichte/ausstellung-kette-und-schuss-6-11-16.php

Stadt Sassenberg Historie: Lokale Kontext zur Wollindustrie.
https://www.sassenberg.de/de/stadt-erleben/stadtinformationen/historie-Kopie.php​

Landeskonservatorium NRW Archiv – Zurwieden Freckenhorst: Archivalien zu N 058 / Zurwieden & Co.
https://www.archive.nrw.de/nl/archivsuche?link=FINDBUCH-Best_d6622be6-18ef-4d2c-a963-100a252b37b6

Von Rolevinck

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