Harry Graf Kessler in Westfalen

Von Ralf Keuper

Harry Graf Kessler war wohl eine der schillerndsten, und wie man heute sagen würde, am besten vernetzten Persönlichkeiten seiner Zeit. Seine Tagebücher gehören mittlerweile zur Weltliteratur.

Kessler kandidierte 1924 im damaligen Wahlkreis Westfalen-Nord für den Reichstag.  Der Wahlkreis 17, wie er auch genannt wurde, umfasste die Regierungsbezirke Münster und Minden sowie den Kreis Schaumburg-Lippe.

Kessler notierte in seinen Tagebüchern seine Aufenthalte in Westfalen, darunter in Bielefeld, Lemgo und Minden:

Bielefeld, 3. Dezember 1924, Mittwoch

Abends in Bielefeld in der Stadthalle gesprochen. Wieder eine überfüllte Versammlung. Die Leute füllten stehend alle Gänge und hockten auf den Treppen. Ich hatte mit meiner Rede und in der Debatte stürmische Beifallssalven. Wenn man überall diese überfüllten demokratischen Versammlungen sieht, während die Rechts-Versamlungen meist, wie mir gesagt wird, viel weniger gut besucht werden, sollte man erwarten, dass wir einen starken Stimmenzuwachs bekommen. (In: Harry Graf Kessler Tagebücher. Tagebücher 1918 bis 1937, hrsg. von Wolfgang Pfeiffer-Belli)

Lemgo, 6. Dezember 1924, Sonnabend

Abschluss meines Wahlkampfes. Wahlversammlung abends in dem alten Hansestädtchen Lemgo in Lippe. Mittlerer Saal, der sich bald zum Ersticken füllte; insbesondere auch dadurch, dass im hinteren Teil eine geschlossene Phalanx von >Jungdo<-Leuten aufmarschierte, die offenbar die Absicht hatten, die Versammlung bei erster Gelegenheit zu sprengen, aber daran gehindert wurden dadurch, dass bald nach ihrem Einmarsch eine noch stärkere Abteilung >Reichsbanner< sich aufstellte.  … (ebd.)

Minden, 7. September 1924, Sonntag

Der große Wahltag, der über die Zukunft Deutschlands und Europas entscheidet. Um zehn in Minden gewählt. Nachher im wunderschönen Dom einen Augenblick der Messe beigewohnt.  … (ebd.)

Ebenfalls erwähnenswert ist die Schilderung seiner Eindrücke beim Besuch der Johanniskirche und Marienkirche in Osnabrück:

Osnabrück, Lengerich, 21. April 1925, Dienstag

Früh um fünf in Osnabrück, wo den Tag über den Dom und die schönen alten Kirchen, Johanniskirche und Marienkirche, besucht. In der Johanniskirche Teil eines frühgotischen Chorgestühls, reich geschnitzt mit biblischen Darstellungen nach antiken Satyrmasken; außergewöhnlich schönes, reiches Stück. Sehr schöne frühgotische Sakristei. Die Marienkirche, der Innenraum, eine Perle des gotischen Stils um 1300; noch fast frühgotisch, das wundervolle Maß, die noch fast romanische Feierlichkeit der Frühgotik kämpft noch mit der ins Unendliche hinaufstrebenden Schlankheit, mit der vermessenen Kühnheit und Raumweite der späten Gotik wie in einer aufbrechenden Knospe die Herbheit des noch halbgeschlossenen Kelchs mit dem zarten, wilden Trieb der Blüte. Dieses Innere der Marienkirche ist ebenbürtig mit den schönsten gleichzeitigen französischen Kirchen. … (ebd.)

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