Landesbewußtsein in Westfalen im Mittelalter (Peter Johanek)

Von Ralf Keuper

Die Frage, ob es so etwas wie ein Westfalenbewußtsein gibt, beschäftigt mittlerweile auch das Regionalmarketing, wobei der Befund recht ernüchternd ausfällt (Vgl. dazu: Marke Westfalen?).

In Landesbewußtsein in Westfalen im Mittelalter begibt sich Peter Johanek auf der Suche nach Belegen für die Existenz einer westfälischen Identität, welche die verschiedenen Teilregionen Westfalens umfasst, ins Mittelalter.

Den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen bildet das real existierende Westfalenbewußtsein der Gegenwart, und daran knüpft sich die Frage, ob sich dieses Westfalenbewußtsein auf ältere Kontinuitäten zu gründen vermag, ob es Konstruktionen eines Westfalenbewußtseins etwa bereits im Mittelalter gegeben hat). Die Beiträge dieses Bandes gelten nach dem Willen des Herausgebers Matthias Werner dem Landesbewußtsein im späteren Mittelalter. Ist Westfalen nun ein Land? Das soll jetzt nicht vorab geklärt werden, und es steht zu hoffen, daß die Struktur und Funktion des Begriffs Westfalen im folgenden deutlich werden wird. Auch bei der Tagung, aus der diese Beiträge hervorgegangen sind, war kein bestimmter Landesbegriff vorgegeben worden, so daß auf mancherlei ältere Konzeptionen zurückgegriffen werden kann, wie etwa den Landesbegriff Otto Brunners mit seinem Akzent auf der landrechtlichen Rechtsgenossenschaft) oder auch auf jüngere Arbeiten, wie Klaus Grafs Darlegungen zum »Land« Schwaben), die mit den Begriffen Rechts- und Friedensgemeinschaft arbeiten, ebenso wie mit dem der Kulturgemeinschaft. Darunter subsumiert Graf Wirtschaftsräume, aber auch Kultgemeinschaft, Herkommens-, Traditions- und Erinnerungsgemeinschaft, die auch als Erzählgemeinschaft definiert werden kann. So steht ein reichhaltiges Arsenal an Werkzeugen bereit, sich mit dem Begriff »Land« zu beschäftigen.

Johanek stützt sich u.a. auf das Buch Zum Lobe Westfalens, auch Westfalenlob genannt, das von Werner Rolevinck im 15. Jahrhundert verfasst wurde.

Das Westfalenbuch erschien vermutlich 1478 bei Arnold Therhoernen in Köln im Druck) und beginnt in seinem ersten Kapitel mit dem berühmten Satz: Westphalia, de qua nunc intendimus, terra est non vinifera sed virifera – »Westfalen, von dem ich nun sprechen will, ist kein Reben- sondern ein Reckenland«). Rolevinck nennt Westfalen eine terra, ein »Land«, jedoch erweist die Durchsicht seines Textes, daß er damit keineswegs ein landesfürstliches Territorium meint, sondern daß er terra eher im Sinne von »Landschaft« oder »Region« gebraucht.

Weiterer Bezugspunkt ist Peter Moraw und die nach ihm benannte Morawsche Karte.

Von den politischen Räumen der Morawschen Karte soll bei der Betrachtung Westfalens ausgegangen werden, denn er hat auch Westfalen als eines dieser Systeme kartiert. Dabei sollen vor allem zwei Faktorenkomplexe erörtert werden, die Peter Moraw bei diesem Versuch der Gliederung des Reichs in »politische Erlebnisräume« bewußt ausgeklammert hat. Dazu gehört ein Teil der regionalen Kohäsionskräfte, von denen Moraw als »unbewußt« entstandenen harten Fakten »aus weiträumig-langfristigen Vorgängen« spricht. Sie werden hier ebenso zu erörtern sein, wie die »Bewußteinsfrage«, die bei den Beiträgen dieses Bandes nun einmal im Vordergrund steht, die die Frage nach einer »regionalen Identität« innerhalb solcher politischen Systeme).

Über das “Gesamtsystem Westfalen”:

An der Gültigkeit der Bezeichnung Westfalen für das die Territorien übergreifende politische System ist nicht zu zweifeln. Als Beleg oder doch sehr starkes Indiz für ein Westfalenbewußtsein, für ein Zugehörigkeitsempfinden zu einer bestimmten Region, für ein Wir-Gefühl innerhalb dieses politischen Systems und einer Identifizierung mit diesem politischen Erlebnisraum wird diese Reihung wohl ebenfalls gelten dürfen. Vielleicht kann man bereits hier festhalten, daß der Quellenbefund sich vor allem aus städtischen Quellen speist, die Identifizierung demnach über die Zugehörigkeit zu einer Stadt verläuft, die der terra Westfalen zugerechnet wird. Doch wird man mit solchen Urteilen vorsichtig sein müssen, da aus dem städtischen Bereich ungleich größere Quellenmengen überliefert oder doch publiziert sind.

Großen Einfluss auf die Bildung eines Westfalenbewusstseins hatte die Hanse:

Es ist das Entstehen des Handelsnetzes der Hanse, das von entscheidender Bedeutung für das Westfalenbewußtsein geworden ist. An seinem Entstehen sind Westfalen im hohen Maße beteiligt gewesen, ebenso an der Gründung der neu entstehenden Städte im Ostseeraum). Offenbar haben sich am hansischen Handel westfälische Kaufleute aus besonders vielen Städten beteiligt, denn eine sehr hohe Zahl kleiner und kleinster Städte, insbesondere aus dem Sauerland, beanspruchte gelegentlich die Teilhabe an den hansischen Privilegien, und das heißt doch wohl, daß Kaufleute aus diesen Orten, wenn auch vereinzelt, am hansischen Handel teilnahmen). In der Fremde definierten sie sich als Westfalen, und wurden auch in der hansischen Gemeinschaft als solche wahrgenommen: sie kamen ut den steden in Westfalen, aus dem westfälischen Quartier, ganz gleichgültig welchem Landesherrn die einzelne Stadt unterstand oder ob sie wie Dortmund Reichsstadt war).

Wichtige Identifikationsfiguren sind Karl der Große und Widukind:

Die beiden Identifikationsfiguren Karl der Große und Widukind standen stets für die gesamte Westphalia, für jenes die Territorien überspannende Konstrukt, das auf einem frühmittelalterlichen Namen aufbaute und als Land betrachtet wurde, das seine Bewohner einte oder besser gesagt einen »Traditionstatbestand« darstellte, der für die Gesamtheit der sozialen und politischen Gruppen dieses Systems akzeptabel war. Dieses Landesbewußtsein war hier zu betrachten, und das »Land« Westfalen hat manche Ähnlichkeit mit dem »Land« Schwaben aufzuweisen).

Entscheidenden Anteil daran, dass sich ein Westfalenbewusstsein über die Jahrundert entwickeln und behaupten konnte, hatte der Kölner Erzbischof als Wahrer des Landfriedens:

Der Kölner Erzbischof war damit auch der Wahrer des Landrechts für ganz Westfalen, das sich in den Landfrieden manifestierte und die auf Westfalen bezogenen Landfrieden haben ohne Zweifel den Zusammenhalt einer terra Westfalen und ein auf Westfalen bezogenes Landesbewußtsein entscheidend gestärkt. Das kräftig ausgeprägte westfälische Landesbewußtsein des ausgehenden Mittelalters, das von Werner Rolevinck so effektvoll mit historischen Identifikationsfiguren ausgestattet wurde, erweist sich demnach am Ende als ein von einer nicht westfälischen Hegemonialmacht initiiertes und wenigstens zum Teil gesteuertes Landesbewußtsein.

Was hat sich bis heute von dem Westfalenbewusstein des Mittelalters erhalten? Mit Blick auf die eingangs erwähnten Bemühungen um die Etablierung einer “Marke Westfalen” scheint davon nicht viel übrig geblieben zu sein.

Für mich liefert Wilhelm Müller-Wille in Westfalen. Landschaftliche Ordnung und Bindung eines Landes nach wie vor die beste Definition dessen, was als Grundlage für ein Westfalenbewusstsein dienen könnte:

Das Land Westfalen als anthropogeografischer Raum ist somit nur als ein bestimmtes Geflecht von Kulturlandschaften zu verstehen. Dieses ist natürlich nicht für alle Zeiten festgelegt; es ist – wie alles Menschliche – historisch wandelbar. Inhalt, Form, Beziehung und Umfang eines Landes müssen daher jeweils neu bestimmt und gedeutet werden; dabei sind vor allem jene kulturlandschaftlichen Elemente ausfindig zu machen, die die einzelnen Landschaften verknüpfen und das jeweilige Beziehungsgeflecht tragen. Schließlich gewinnt man durch das Studium der Kulturlandschaft eine konkretere Vorstellung vom Menschen selbst. .. Dem Einzelnen oft unbewusst, prägt sie den Bewohner und macht ihn zum >Kind seiner Heimat<. Wer also den Menschen in Westfalen verstehen will, muss seine Kulturlandschaften kennen: nur von ihnen und mit ihnen sind die Bewohner in ihrer Eigenart zu begreifen.

Allerdings halte ich den Begriff “Westfalenbewusstein” für problematisch. Die Frage, was Bewusstsein überhaupt ist, beschäftigt Philosophen und Hirnforscher seit langer Zeit, ohne dass eine genaue Definition dabei heraus gekommen ist, jedenfalls keine, die einen direkten Bezug zu einer Region oder einem Land herstellt. Bewusstsein ist nicht statisch und auch kein geschlossener Zustand.

Die nach meinem Kenntnisstand beste Definition liefert Merlin Donald in Triumpf des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes:

Unsere neuronalen Modelle von dem Prozess, in dem eine Bedeutung in einer vorgegebenen Form abgebildet wird, beschreiben bestenfalls die Oberfläche des Ganzen. Wir wissen so gut wie nichts über die Einzelheiten der Vorgänge in den gewaltigen neuronalen Netzwerken, welche diese komplexen Spannungszustände erzeugen. Allerdings weist einiges darauf hin, dass Spannungszustände zwischen großen neuronalen Netzwerken Parallelen zu den jeweiligen Zuständen unseres semantischen Bewusstseins aufweisen. Das Bewusstsein initiiert und überwacht alle bedeutsamen symbolischen Operationen.

Hier wartet noch einige Forschungsarbeit.

Weitere Informationen:

Regionalbewusstsein

Was bedeutet Identität – wie entsteht regionale Identität?

Regionale Identität als empirischer Untersuchungsgegenstand – Aufbruch in die „Normalwissenschaft“?

Globalisierung und regionale Identität 

Föderalismus und regionales Bewusstsein

Eine Notwendigkeit: Regionales Bewusstsein und Offenheit für Neues

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