Schwester Elisabeth schreibt für ihre Brüder in Dortmund. Das Graduale für das Dortmunder Dominikanerkloster

Elisabeth von Lünen, im vorliegenden Kolophon als Schwester dieser Dominikanerinnengemeinschaft bezeugt, stammt aus einer bedeutenden Soester Patrizierfamilie, dem Geschlecht derer von Lünen – ursprünglich Ministerialen der Kölner Erzbischöfe, die ihren Namen von Lünen bei Dortmund haben und seit der Mitte des 13. Jahrhunderts in Soest bezeugt sind)! Die Familie stellte zahlreiche Ratsmitglieder (bis zum Erlöschen des Geschlechts um 1500 waren 21 Mitglieder der Familie Bürgermeister) und war im Fernhandel tätig. Spätestens seit der Mitte des 14.Jahrhunderts hatte sie sich in verschiedene Zweige aufgeteilt – einer davon, mit identischem Wappen, lebte in Dortmund und war auch hier im Rat vertreten. Die Familie war mit wichtigen Soester Geschlechtern verschwägert, hatte Söhne in wichtigen geistlichen Einrichtungen und besaß reichen Grundbesitz, Häuser und Ländereien in und um Soest.

Zwei Mal ist im mittleren 14. Jahrhundert eine Elisabeth von Lünen als Klosterschwester aus Soest bezeugt: Eine in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert überlieferte Urkunde vom 7. April 1358 aus dem Walpurgiskloster in Soest bezieht sich auf eine Schenkung einer Elisabet de Lunen sanctimoniali Monasterii nostri. Nur fünf Jahre später ist wiederum eine Elisabeth von Lünen bezeugt, diesmal als Mitglied des Dominikanerinnenkanvents in Paradies – ob es dieselbe Person ist, die die geistliche Einrichtung gewechselt hat, oder eine andere, namensgleiche Tochter der verzweigten Familie, lässt sich nicht entscheiden. Letztere jedenfalls dürfte die Schreiberin der vorliegenden Handschrift gewesen sein, denn deren Datierung in die 1360er Jahre ist aus stilistischen Gründen plausibel. …

Was sich die Schreiberin erhofft von ihrer Arbeit, ist hingegen deutlich formuliert: Es geht um ihr Seelenheil- sie schrieb ob perpetuam sui memoriam, wie auf der letzten Zeile der Handschrift deutlich zu lesen ist. Die Verbindung von Künstler- name und Fürbitte ist recht häufig. Elisabeth wünscht sich, dass ihre Leistung als Gutes Werk gilt und ihrer Seele im Jenseits hilft. Die explizite persönliche Namensnennung erhält in diesem Kontext eine zusätzliche Bedeutung, geht über die einer Signatur hinaus, denn gerade die namentliche Nennung ist ein wesentliches Merkmal der Memoria. Elisabeth schreibt sich namentlich ein ins Gedächtnis ihrer Ordensbrüder in Dortmund – immer wenn diese das Buch während einer Messfeier benutzen, wird für dessen Schöpferin Gebetsgedenken geleistet, wird sie vergegenwärtigt. Elisabeth wiederum steht aber nicht für sich, sondern ist Teil einer Gemeinschaft, und das Buch wird durch die Benennung der beiden Ordensgemeinschaften zum materiellen Zeugen einer Beziehung zwischen zwei Kommunitäten desselben Ordens, einer Beziehung, die Bestand haben soll und deren Kenntnis als überlieferungswert und wichtig erschien. Der Schreiberinneneintrag knüpft am Netzwerk der Memoria, bindet die Schreiberin Elisabeth von Lünen ein ins Gedächtnis der Dortmunder Dominikanerniederlassung und erinnert die Dortmunder Dominikaner »auf ewig« an die Schwesterngemeinschaft desselben Ordens in der Nachbarstadt.

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