Peter Hille

Nur durch Freiheit des Geistes und Ungebundenheit im Leben konnte sich Hilles Vision einer freien Künstlerpersönlichkeit bilden. Beides war gegen die Regularien der Zeit und Gesellschaft. Auch alle einseitigen Einordnungen und Vereinnahmungen entzieht sich Hille hartnäckig: Hille ist kein typischer westfälischer Dichter (wenn auch durch ein Herkommen erkennbar geprägt), er ist weder ausschließlich frommer Mystiker (obwohl er in seinen Werken die Traditionen der Mystik und ihre Themen aufgreift), noch naiver Naturdichter, versponnener Schönheitsapostel oder antibürgerlicher Gesellschaftskritiker – Peter Hille ist von all dem etwas, denn er ist wie ein Prisma, in dem sich die Welt bricht; und aus dieser Begegnung von Welt und Ich entsteht im Medium der Sprache eine ganz individuelle Sage-Weise des Realen. Hille ging es um diesen unerschöpflichen Reichtum des Erfahrbaren: der unbelebten wie der belebten Natur, der sozialen wie der moralischen Konstitution des Menschen, den er poetisch aussagbar machen wolle. Viele kaum entzifferbare Palimpseste: wieder und wieder, kreuz und quer beschriebene Blätter, geben beredtes Zeugnis von der manischen “Aufschreibwut”, die Peter Hille offensichtlich plagte. Durch Sprache das Er-Leben bannen und dabei nichts, rein gar nichts zu vergessen – das war seine Obsession.

Diese besondere Form des Individualismus, die zunächst auf die Selbsterkenntnis und freie Selbstbestimmung des Subjekts setzt, dann aber auch die moralische Verantwortung des Einzelnen gegenüber Mitmenschen und Natur nachdrücklich vertritt, setzt das Erbe der Aufklärung fort: Hille betont den Reichtum und das Recht des Individuellen gegen jeden Kollektivismus, er spürt und proklamiert, dass das Glück nur in jedem einzelnen Menschen liegt und durch Selbstanstrengung entfaltet werden kann und muss, gegen alle vereinnahmenden Ideologien und Systeme als “Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit” (Immanuel Kant).

Quelle: “Aus allen Taschen muss es fallen …”. Ein Peter Hille-Lesebuch

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